Lewis Hamilton freut sich über die Pole Position, die er nach wenigen Stunden wieder aberkannt bekam. (FOTO: DPA)
Erst fuhr Lewis Hamilton in einer eigenen Welt, dann fiel er hart zurück auf den Boden der Realität. Viereinhalb Stunden nach seiner Traumfahrt zur vermeintlichen 150. Pole Position von McLaren schickten ihn die Rennkommissare zurück ans Ende des Feldes und machten den Venezolaner Pastor Maldonado zum sensationellen Triumphator eines verrückten Qualifyings für den Großen Preis von Spanien (Sonntag, 14.00 Uhr/RTL und Sky).
Hamilton wurde zum Verhängnis, dass sein Team nicht genug Benzin eingefüllt hatte. Als der Brite auf Geheiß seiner Box während der vom Reglement verlangten Fahrt zurück in den Parc ferme in der Boxengasse sein Auto auf der Strecke abstellte, hatte er noch 1,3 Liter Benzin im Tank. Im Perc ferme hätte es für mögliche Tests noch mindestens ein Liter sein müssen, für die Fahrt dorthin hätte er aber wohl noch rund zwei Liter gebraucht.
Nur bei einem technischen Defekt wäre Hamilton straffrei ausgegangen. Das Team hatte versucht, auf höhere Gewalt zu plädieren, das wurde von den Kommissaren aber zurückgewiesen. Nutznießer war vor allem Maldonado. Der GP2-Champion von 2010 darf in seinem 24. Formel-1-Rennen erstmals von ganz vorne starten - vor Ferrari-Pilot und Lokalmatador Fernando Alonso.
Für Williams ist es die erste Pole Position seit Nico Hülkenberg 2010 in Sao Paulo. Das Team erfuhr die frohe Kunde kurz nach einer nachträglichen Feier des 70. Geburtstages von Teamchef Sir Frank Williams im Motorhome.
Weltmeister Sebastian Vettel und Rekordchampion Michael Schumacher hatten dagegen im Qualifying gepokert. Um Reifen fürs Rennen zu sparen, hatten sie im letzten Durchgang freiwillig auf den Kampf um die besten Startpositionen verzichtet und sich mit den Plätzen acht und neun begnügt, durch Hamiltons Strafe wurden daraus sie Ränge sieben und acht.
„Wenn wir den Speed gehabt hätten, dann hätten wir auch versucht, auf die Pole Position zu fahren. Aber das war nicht drin, deshalb haben wir überlegt, Reifen zu sparen. Wir haben noch drei frische Sätze harte Reifen, für das Rennen ist noch alles drin“, sagte Vettel: „Natürlich wäre ich lieber vorne, aber manchmal muss man so etwas akzeptieren. Es gibt keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.“ Als am Ende absehbar war, dass er sich nicht mehr verbessern würde, brach Vettel seine letzte Runde ab und hat so jetzt die Möglichkeit, die Reifen für den Start frei wählen zu dürfen. Allerdings waren Vettel und seine Ingenieure nach dem Qualifiying zunächst ratlos, „warum wir nicht an unsere eigenen Zeiten vom Freitagnachmittag oder Samstagmorgen herangekommen sind“, sagte Vettel, der im dritten freien Training am Samstag noch die Bestzeit gefahren war. Schumachers Mercedes-Partner Nico Rosberg taktierte auch und startet letztlich von Rang sechs.
Hamiltons McLaren-Teamkollege Jenson Button und Mark Webber im zweiten Red-Bull-Renault hatten sich schon im zweiten Qualifying-Durchgang verzockt und müssen von den Plätzen 10 und 11 eine Aufholjagd starten. „Wir hatten gedacht, dass die Zeit reicht, und sind dann mit heruntergelassener Hose erwischt worden“, gab Webber zu. Schumacher setzte auf eine ähnliche Taktik wie Vettel und erklärte den Hintergrund.
„Wenn man Reifen sparen und dabei keinen Platz verlieren will, fährt man nur eine Runde ohne Zeit. Dann geht es nach den Startnummern, Sebastian hat das auch so gemacht“, sagte der 43-Jährige, der wie Vettel die Wahl hat, mit den weichen oder den harten Reifen loszufahren. Die ersten sechs Fahrer müssen dagegen mit den Reifen ins Rennen starten, mit denen sie im letzten Qualifying-Durchgang ihre gezeitete Runde gefahren waren. Die ungewohnte Startaufstellung könnte am Sonntag im 5. von 20 WM-Läufen für ein spektakuläres Rennen sorgen, zumal es seit dem vorigen Jahr durch den verstellbaren Heckflügel endlich möglich ist, auch in Barcelona zu überholen. Die großen Zeitunterschiede durch die weit auseinander liegenden und schnell abbauenden Reifen dürften ihr übriges tun, das Feld durcheinanderzuwürfeln.
In der WM-Wertung führt Vettel mit 53 Punkten vor Hamilton (49), Webber (48), Button und Alonso (je 43) und Rosberg (35). Nico Hülkenberg musste sich im Force-India-Mercedes mit Rang 13 zufrieden geben, nachdem er schon einen teuren Vormittag erlebt hatte. Weil er im dritten und letzten freien Training in der Boxengasse mit 95,5 statt der erlaubten 60 km/h geblitzt worden war, hatten die Rennkommissare dem 24-Jährigen eine Geldstrafe in Höhe von 7200 Euro aufgebrummt. Marussia-Pilot Timo Glock kam nicht über den 21. Startplatz hinaus.