Trainer Sven Köhler wird von den Fans gefeiert. (FOTO: ANDREAS LÖFFLER)
Sven Köhler sitzt an seinem Schreibtisch im Erdgas Sportpark und macht sich Notizen. In der Maschine auf dem kleinen Schrank nebenan läuft frischer Kaffee durch. Die Büchse mit den Keksen öffnet er ganz nebenbei. Der Trainer des Drittliga-Aufsteigers Hallescher FC wirkt wenige Tage vor dem Saisonstart ruhig und gelassen. So, wie eigentlich immer. "Doch das täuscht", sagt er. "Die innere Anspannung wächst von Tag zu Tag. Ich will mit dem ersten Punktspiel ja auch wissen, ob alles richtig war, was wir in der Vorbereitung gemacht haben."
Doch bevor er das am Sonnabend feststellen kann, wird er sich am Donerstag noch einmal für ein paar Stunden zurückziehen. Zurückziehen zu Ehefrau Uta in sein Haus nach Chemnitz, das er auch für den Trainerjob nie aufgeben würde. "Erstens kann so eine Aufgabe ja schnell zu Ende sein. Und außerdem kann ich dort am besten abschalten", sagt er. Die Pflege der alten Kontakte zu den Bezugspersonen aus seiner aktiven Zeit in Chemnitz ist ihm enorm wichtig.
Dass darunter auch sportliche Rivalen sind, macht ihm nichts aus. Mit seinem Ziehvater Christoph Franke und Gerd Schädlich, dem Trainer des Liga-Konkurrenten Chemnitzer FC, besucht Köhler noch heute regelmäßig Tanzstunden. "Einmal im Monat machen wir das", erzählt Franke, "meist am trainingsfreien Montag. Erst bewegen wir uns und danach quatschen die Männer über Fußball und unsere Frauen über den Garten und ihren Spaß mit den Enkeln." In einem Fernsehinterview einmal danach befragt, wer der Beste von dem Trio sei, antwortete Schädlich: "Der Sven ist der Beste." Woraufhin dieser entgegnete: "Naja, ich bin unter den Blinden der Einäugige."
Bescheidenheit ist eine Eigenschaft, die Köhler auszeichnet. Er stellt sich selten in den Vordergrund. Was nicht heißt, dass er auch energisch werden kann. Zum Beispiel, wenn die Ehefrauen nach dem Tanzkurs über die Gartenarbeit erzählen. Dann redet auch Sven Köhler mit, denn damit kennt er sich aus. Schließlich zählt die zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. "Leider komme ich in letzter Zeit viel zu selten dazu. Und wenn, dann kann ich wegen der knapp bemessenen Zeit höchstens ein paar Kleinigkeiten erledigen." Aber wenn Sven Köhler in den Garten geht, dann bleibt das Handy im Haus. Dann ist der Fußball zumindest einmal für ein paar Meter weg.
Überhaupt ist Köhler ein geselliger Typ. Auch mit einer Gruppe um seinen ehemaligen Teamkollegen Ulf Mehlhorn trifft er sich regelmäßig. Drei bis vier Mal im Jahr fordert dann auch eine Runde von Schulfreundinnen seiner Frau ihr Recht. "Das ist immer ganz lustig. Ab und an sind da sogar die Kinder dabei", erzählt Köhler. Von wegen Kinder. Benny ist 24, studiert Fahrzeugelektronik in Zwickau und steht kurz vor seinem Abschluss. Florian, der 21-Jährige, wohnt zwar noch zu Hause. Aber wohl auch nur, weil das am praktikabelsten ist, wenn man wie er in Chemnitz System-Engineering studiert.
Über alles, was im Hause Köhler passiert, weiß seit Jahren Christoph Franke am besten Bescheid. Er kannte Sven Köhler schon als "13 Jahre jungen Fußballer mit den dünnen Beinen dahinten links". Er war sein Trainer, sein Chef und ist heute noch sein Berater in sportlichen wie privaten Dingen. "Köhlei", wie er ihn nennt, sei wohl erzogen und habe immer genau aufgepasst. "Wenn wir bei mir zu Hause mal eine Mannschaftsfeier hatten, dann ist Sven bis zuletzt geblieben und hat die Kissen auf dem Sofa wieder gerade gerückt. Ein echter Schwiegermutter-Typ", gab Franke am Rande der Aufstiegsfeier nach dem Spiel gegen RB Leipzig ein Geheimnis preis. Sven Köhler muss immer lächeln, wenn er die Anekdote hört. "Unsere Eltern sind beide arbeiten gegangen. Da gehörten die kleine Aufgaben im Haushalt schon zu den Dingen, die mein Bruder und ich zu erledigen hatten", erklärt er dann.
Ein Schwiegermuttertyp, der sich mittlerweile seit fünf Jahren im brutalen Trainerberuf zu behaupten weiß. Denn wer in dieser Zeit mit seiner Mannschaft zwei Mal aufsteigt, hat nicht viel falsch gemacht. "Schwiegermuttertyp und Bescheidenheit schließen ja nicht aus, dass Köhlei auch einmal brutal sein kann. Der Erfolg verlangt auch das", sagt Franke.