Nils Pichinot zeigt im Trainingslager in Pockau seine Qualitäten am Ball. (FOTO: WORBSER)
Eigentlich hat Nils Pichinot keine Zeit. Trotzdem sitzt er jetzt am Tisch, einen Fußball vor sich, auf den er sich manchmal mit beiden Händen aufstützt. Oder den er auch mal in den Händen dreht, wenn er nach Antworten sucht. Nach Antworten auf Reporter-Fragen, die er wahrscheinlich schon hundert Mal beantwortet hat.
Das Drehen des Balles ist kein Zeichen von Nervosität. Eher will Nils Pichinot damit anzeigen, dass seine Zeit auch dieses Mal knapp bemessen ist. Der junge Sportler macht den Eindruck, als sei in seinem Tagesablauf alles genau organisiert. Wie sich später herausstellt, trifft das auch auf die Vorstellungen von seiner Karriere zu: sportlich wie privat.
Immer nach dem Training bei seinem neuen Verein, dem Halleschen FC, eilt Nils Pichinot in seine neue Wohnung in Halles Südstadt, werkelt, malert und arbeitet fleißig an der Einrichtung weiter. Es ist das erste Mal, dass der junge Fußballer die eigenen vier Wände so richtig selbst gestaltet. "Das ist spannend, macht aber auch Spaß und lenkt ein wenig vom Trainingsalltag ab", sagt der neue Stürmer des Drittliga-Aufsteigers.
In den ersten Wochen der Vorbereitung nutzte er fast jede freie Stunde, um zwischen Halle und Jena, seiner letzten Station als Fußballer, zu pendeln und alle persönlichen Sachen abzuholen. "Als die dann in der neuen Wohnung standen, habe ich fast einen Schreck bekommen. Die Zimmer sahen immer noch etwas leer aus. Also musste ich mich darum kümmern, dass Leben in die Wohnung kommt", erzählt Pichinot.
Das dauert bis heute. Für seine eigene Wohnung nimmt er sich alle Zeit der Welt. Das Radio an, House, Oldies oder aktuelle Hits eingestellt und schon geht alles leichter von der Hand. Vorbei sind für die nächsten zwei Jahre - so lange läuft sein Vertrag beim HFC - die Tage in Internaten, Hotels und Wohngemeinschaften mit anderen Spielern. Der Umzug von Thüringen nach Halle ist ihm recht leicht gefallen.
"Leichter jedenfalls als der Umzug von Hamburg nach Jena vor eineinhalb Jahren. Damals habe ich das erste Mal für längere Zeit mein gewohntes Umfeld verlassen", erinnert er sich. "Das erste halbe Jahr in Jena habe ich im Hotel gewohnt. Danach dann sogar einen Monat lang zu dritt in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Ich bin zwar von Natur aus ein geselliger Typ, muss immer Menschen um mich herum haben, etwas mit ihnen unternehmen. Aber so eng muss es nie wieder sein."
Auch deshalb war er während dieser Zeit viel zwischen Jena und Hamburg unterwegs, suchte die Nähe zur Familie. "Jetzt brauche ich eine gute Stunde weniger bis nach Hause. Vielleicht reicht ja am Wochenende die Zeit für einen kurzen Abstecher."
In Halle sei die Eingewöhnung viel einfacher gewesen. "Auch, weil mir die Jungs aus der Mannschaft geholfen haben. Da hat sich bei mir sofort der Eindruck verstärkt, den ich bereits nach den ersten Kontakten und Gesprächen hatte: Der HFC bietet wirklich ein intaktes Umfeld, vieles geht hier recht familiär zu."
Es scheint genau das Umfeld, das Nils Pichinot braucht, um die letzten Monate der Erfolglosigkeit und Enttäuschungen zu verarbeiten und wieder zu sportlichen Topleistungen zu finden. Obwohl der Stürmer mit seinen acht Toren neben dem Tschechen Jan Simak der beste Torschütze der Thüringer war, konnte er den Abstieg in die Regionalliga nicht verhindern. Aber weil er unbedingt weiter in der dritten Liga spielen wollte, suchte Pichinot bereits frühzeitig den Kontakt zu anderen Vereinen.
"Der Hallesche FC hat sich sehr intensiv um mich bemüht und speziell der Austausch mit Trainer Sven Köhler war von Beginn an sehr positiv und angenehm. Das Gesamtpaket in Halle hat mich dann absolut überzeugt", sagt Pichinot. Mit dem Ja für Halle entschied sich der Profi gegen den Ligarivalen Chemnitzer FC, mit dem es auch Gespräche gab, und gegen die Zweitligisten Dynamo Dresden und SC Paderborn, die laut Medienberichten zumindest Interesse an ihm hatten.
Nils Pichinot, der schon ein Zweitligaspiel für den FC St. Pauli bestritten hat, will Schritt für Schritt vorankommen. Im Sport wie auch im Leben. "Wäre ich als Fußballer nicht über die Oberliga hinausgekommen, hätte ich wahrscheinlich die Sportart gewechselt, weil mir diese Freizeitspielerei zu wenig an Sport und Bewegung gewesen wäre. Dann wäre ich Leichtathlet geworden, wahrscheinlich Sprinter", sagt er.
Die dritte Liga soll nicht das Ende der Fahnenstange sein. Aber Pichinot ist intelligent genug, um zu wissen: "Ich werde mit Fußball nicht für mein ganzes Leben aussorgen können." Deshalb schaut er auch auf die Kollegen links und rechts von sich. "In Jena gab es den Mitspieler Ralf Schmidt, der ein Bio- und Informatikstudium aufgenommen hat. Hier gibt es Marco Hartmann, der Lehramt studiert. Ich habe schon einen Blick auf die Zeit nach dem Sport", sagt Pichinot.
Drei bis vier Jahre will er sich noch geben, um als Fußball-Profi in andere Höhen zu kommen. "Wenn es bis dahin nicht klappt, werde ich studieren. Etwas mit Sport sollte es aber sein. Ich denke, mein Abitur von 2,1 sollte das zulassen."