Handball: Der halbe Neuzugang

23.07.2012 21:25 Uhr | Aktualisiert 23.07.2012 22:25 Uhr
Acht Monate quälte sich Eileen Uhlig mit Physiotherapeut Florian Erstling für ihr Comeback. (ARCHIVFOTO: LÖFFLER) 
Von Jan-Ole Prasse
Union-Torjägerin Eileen Uhlig kehrt nach einem Kreuzbandriss zurück ins Team. Sie kämpft nicht nur um die Fitness, sondern auch gegen die Angst.
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Halle (Saale)/MZ. 

13 Kubikmeter Erde und Schotter sind es am Ende. Mit ausgehoben von Wildcats-Rückraumspielerin Eileen Uhlig. Drei Tage lang schaufelt sie eine tiefe Grube. Der Schweiß läuft in Strömen, die Arme schmerzen, abends meldet sich der Muskelkater. Uhlig macht das nicht irgendwo, sondern im Garten von Frank Kastner, Manager von Union Halle-Neustadt. Der hat sich für die Sommerpause den Bau eines eigenen Pools vorgenommen, seine Handballerinnen helfen gerne. "Das war Teil des Aufbautrainings", sagt Kastner schmunzelnd.

Für Uhlig ist diese Arbeit wie eine Befreiung - nach quälenden acht Monaten, die sie mit einem Kreuzbandriss außer Gefecht gesetzt war. "Das war eine verdammt harte Zeit für mich", sagt die 23-jährige Torjägerin, die Kastner wegen der langen Pause seinen "halben Neuzugang" nennt. Dabei hatte sie direkt nach dem Kreuzbandriss, den sie sich am 22. Oktober im Spiel gegen Rosengarten-Buchholz zuzog, kurz ans Aufhören gedacht. "Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich habe überlegt: Schaffe ich das? Will ich das?", erzählt Uhlig. Es war das erste Mal in ihrer Karriere, dass sie länger verletzt war. Aber nach der Operation kam das Kribbeln zurück.

Sechs Wochen quälte sie sich auf Krücken in ihre Wohnung in den dritten Stock. "Als ich die blöden Dinger loswurde, hatte ich das Gefühl, es geht wieder bergauf." Dann begann die lange Reha-Zeit mit Physiotherapeut Florian Erstling. Langsam machen fiel Eileen Uhlig schwer. "Ich bin überehrgeizig, ich will sofort wieder", sagt sie.

Der Ehrgeiz ist ihr auch jetzt in der Saisonvorbereitung anzumerken. "Im ersten Mannschaftstraining bin ich gerannt wie eine Wilde und war danach rot wie eine Tomate", sagt Uhlig. Sie will zurück - mit aller Macht. Auch, um die letzte Saison von Union vergessen zu machen. Ohne Uhlig, die in der Spielzeit 2010 / 11 150 Tore warf, konnten die Wildcats nur ganz knapp dem Abstieg entrinnen. "Ich habe auf der Tribüne mitgelitten, mitgefiebert. Es ist furchtbar, nicht eingreifen zu können." Dennoch weiß Uhlig, dass es ein langer Weg zurück zur alten Form ist. Im Schnitt brauche man nach einem Kreuzbandriss eine Saison als Übergang.

Es ist nicht nur ein Kampf um die Fitness, sondern auch gegen die Angst. Uhlig hatte sich am Sprungbein verletzt. "Ich bin nicht groß, ich muss in die Deckung reinspringen, um erfolgreich zu sein." Das Beispiel ihrer Mannschaftskameradin Peggy Hesse, die mit einem Knorpelschaden ihre Karriere vor dieser Saison beenden musste, spukt im Hinterkopf. "Bei ihr hat das ganze ja auch mit einem Kreuzbandriss begonnen", sagt Uhlig.

Um die Angst zu überwinden, hat sie auch schon Schritte eingeleitet. Uhlig wird, anders als üblich, auf eine Bandage des verletzten Knies verzichten. "Ich will nicht immer daran erinnert werden", begründet sie und fügt hinzu: "Und die Gegnerinnen sollen auch nicht sehen, was passiert ist."

Helfen wird Uhlig bei der Überwindung der Angst auch ihre Familie, der so genannte Dessau-Clan. "Die haben mir unglaublich viel Rückhalt gegeben", erzählt sie. Besonders wichtig ist für Uhlig ihre Großmutter. "Die macht die besten Apfeltaschen, mit denen die ganze Mannschaft versorgt wird."

Diese Saison ist aber auch abseits des Sports ein Neuanfang. Vor kurzem ist Uhlig von Leipzig nach Halle gezogen. "Ich genieße es, jetzt gleich nach dem Training nach Hause zu kommen." Und für das Comeback ist die neue Wohnung ideal. Sie liegt im vierten Stock, ohne Aufzug.