Sie kann schon wieder ein bisschen lächeln. Dieses Foto, aufgenommen kurz nach der OP, ließ Luise Malzahn am Mittwoch der MZ zukommen. (FOTO: PRIVAT)
Ihren Humor hatte Luise Malzahn schnell wiedergefunden. Auch wenn es irgendwie nach Galgenhumor klang, als sie sagte: "Vielleicht fange ich ja jetzt an zu stricken."
Den Tausendsassa, der seit Monaten zwischen Judomatte, Polizei-Fachhochschule und Praktikumsstelle im Revier hin- und herwuselt, könnte nämlich bald die liebe Langeweile plagen. Dass Luise Malzahn für die nächste Zeit zum sportlichen Nichtstun verurteilt ist, hat sie ihrem rechten Knie zu verdanken. Das ist frisch operiert und nun durch eine Schiene geschützt.
Doch der Reihe nach: Beim Grand-Slam-Turnier der weltbesten Judoka in Moskau hatte sich die Hallenserin in ihrem Halbfinale am vergangenen Sonntag gegen die Kanadierin Amy Cotton schwer verletzt. "Wir wollten beide eine Aktion starten und sind unglücklich mit unseren Knien zusammengestoßen. Ihres blieb heil und sie hat das Turnier gewonnen. Ich habe einen Knall gehört und nur noch den Schmerz gespürt. Danach ging gar nichts mehr", erzählt die 21-Jährige.
Zumindest aber hatte sie sich noch heldenhaft dagegen wehren können, in ein russisches Krankenhaus eingeliefert zu werden. "Da ich noch einigermaßen gut geradeaus laufen konnte, hatte ich die stille Hoffnung, dass vielleicht nur der Außenmeniskus etwas abbekommen hat."
Sofort auf den OP-Tisch
Doch die Hoffnung erfüllt sich nicht. Nur wenige Stunden nach ihrer Rückkehr vom letzten großen Turnier vor Olympia lag sie bei Martin Pyschik im Weidenplan auf der Behandlungsliege - und wenige Stunden später auch schon im Operationssaal. Dort wurde nicht nur der Meniskus repariert, sondern auch noch das Kreuzband geflickt. Nach einer Nacht unter ärztlicher Beobachtung durfte der Unglücksrabe am Mittwoch mit Krücken nach Hause. Nicht ohne kleinen Unfall. Die letzten Stufen der Klinik erwiesen als zu hohe Hürde mit den Gehhilfen. "Ich habe mich gleich mal auf den Hintern gesetzt."
Zu Hause bleibt nun viel Zeit zum Nachdenken. Über das letzte Wettkampfjahr zum Beispiel, in dem sie enorme Fortschritte auf der Matte gemacht hat und das trotzdem zum Seuchenjahr geworden ist. Denn obwohl sie sich in der Weltrangliste weit vorn platziert und damit das Startrecht für Olympia erworben hat, fährt doch eine andere Deutsche nach London. Heide Wollert aus Leipzig hat noch mehr Punkte im olympischen Ranking aufzuweisen. Und nur ein Starter pro Land und Limit darf bei den Spielen auf die Matte. Auch das letzte Fünkchen Hoffnung, als Ersatzfrau nachzurücken, ist mit ihrer Verletzung erloschen.
Blick geht nach vorn
"Abgehakt", sagte Luise Malzahn ziemlich gefasst in ihrer ersten Reaktion. "Ich kann es nicht ändern und werde das Beste aus der Situation machen." Heißt: Ihr Studium an der Polizei-Fachhochschule in Aschersleben ordentlich zu Ende bringen und sich ins Praktikum richtig reinknien. "Zumindest Innendienst werde ich bald wieder schieben können."
Bis es soweit ist, lässt sie sich zu Hause von der Familie ein bisschen verwöhnen. Ihr Freund Gunter Dingler, mit dem sie in Kröllwitz gemeinsam wohnt, kann sich bestens in ihre Lage versetzen. Auch er ist Judoka, und auch ihn hat vor einem halben Jahr dasselbe Schicksal ereilt: Kreuzbandriss! "Damals habe ich die Wasserkästen zu uns in den zweiten Stock hochgetragen, jetzt ist er dran", sagt Luise Malzahn. Der Humor ist wieder da.
Daumendrücken für die Schwester
Und noch etwas anderes lässt sie sich trotz ihres Handicaps nicht nehmen: Wenn ihre Schwester Claudia Malzahn in acht Wochen in London ihren olympischen Einstand gibt, will sie in der Halle sein. Als Glücksbringer - so wie Claudia vor drei Jahren bei der Junioren-WM in Paris für Luise da war. "Da hatte sie Krücken und ich bin Dritte geworden. Ich wäre glücklich, wenn das wieder der Fall ist." Dann lässt sich auch eine schwere Verletzung viel leichter ertragen.