Später, als Peter Kretschmer und Kurt Kuschela sowie Franziska Weber und Tina Dietze noch einmal über ihre Rennen sprachen, klang alles viel einfacher als es ausgesehen hatte. "Wir haben einfach unseren Kopf am Steg gelassen", berichtete Dietze. Und Kuschela sagte: "Es ist ja nüscht Besonderes. Einfach nur von A nach B fahren."
Die scheinbar schlichte Herangehensweise hatten die beiden Männer mit dem Zweierkanadier und die beiden Frauen mit dem Zweierkajak zu ihren Olympiasiegen getragen. Sie hatten sich einfach auf das konzentriert, weswegen sie auf dem Lake Dorney vor den Toren Londons gestartet waren.
Und nun sollten sie erklären, so kurz nach ihren Rennen und Siegerehrungen, was denn ihr Erfolgsgeheimnis gewesen sei. Kuschela sagte es noch einmal mit anderen Worten: "Wir haben einfach den Kopf ausgeschaltet und sind unser Ding gefahren." Er strahlte.
Auf drei Goldmedaillen haben die beiden Boote die Bilanz des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) nun aufgestockt, zudem gab es bisher einmal Silber und zweimal Bronze. Die Vorgaben sind vor den Sprintrennen am Samstag damit schon nahezu erfüllt, obwohl der Vierer-Kajak der Männer mit Marcus Groß, Norman Bröckl, Tim Wieskötter und Max Hoff am Donnerstag mit Platz vier über 1 000 Meter die hohen Erwartungen nicht erfüllte und Bronze um eine Viertelsekunde verpasste. Die viermalige Olympiasiegerin Katrin Wagner-Augustin gewann zudem das B-Finale. Doch sieben Medaillen hatte man sich insgesamt zum Ziel gesetzt, sechs sind es bisher, drei davon in Gold.
Dass diese nun eingefahren sind, hatte der DKV am Donnerstag zwei jungen Besatzungen zu verdanken, die ihre Olympiapremiere gaben. Zunächst dem Potsdamer Duo Kretschmer und Kuschela über die 1 000 Meter, als sie die Olympiasieger von 2008, die Brüder Andrej und Aleksander Bogdanowitsch aus Weißrussland, sowie das russische Boot im Schlussspurt einfach stehen ließen. Und eine Stunde später Weber aus Potsdam und Dietze aus Leipzig über 500 Meter, die ihr Rennen von Beginn an bestimmt hatten und deutlich vor Ungarn und Polen ins Ziel kamen. "Ich habe gedacht, dass der erste Schlag nicht gepasst hat, aber wir sind ja sofort schön weggeschnippst", sagte Dietze.
Von Null auf Gold, das hatte ja tags zuvor auch im Canadier über die 1 000 Meter für Sebastian Brendel (24) gegolten, der ebenfalls für Potsdam startet. "Es ist unsere Vorstellung, dass wir die Kanu-Mannschaft immer zu 30 bis 50 Prozent erneuern müssen. Wenn es uns gelingt, diese Mischung beizubehalten, ist das Gold wert. Im wahrsten Sinne", sagte Chefbundestrainer Reiner Kießler über die Erfolge der jungen Athleten im Team.
Auch die Konzentration der Spitzenathleten an wenigen Stützpunkten gilt als Erfolgskonzept. Besonders bei Kretschmer (20) und Kuschela (23). "Wie ein Ehepaar" seien sie, sagte Kuschela, und dazu gehöre auch, dass man sich "ganz schön oft gezankt" habe. Doch eigentlich, befand Kretschmer, "sind wir die besten Freunde". Ausdruck dafür war auch Kutschelas Kuss auf Kretschmers Stirn nach der Zieldurchfahrt. Seit drei Jahren sind sie Nachbarn, seit zwei Jahren sitzen sie im selben Boot. Abgesehen von Frühstück und Abendessen, erzählte Kretschmer, verbrächten sie fast jede Minute miteinander, "und abends trifft man sich trotzdem wieder und macht was zusammen".
Ganz so eng ist es nicht bei Weber (24) und Dietze (23). Doch das Vertrauen ineinander ist ähnlich ähnlich ausgeprägt. "Ich kann mich auf sie verlassen, in guten wie in schlechten Zeiten", sagte Dietze. So wie nach der EM, als sie den vierten Platz belegt hatten. "Das Imperium schlägt zurück", witzelte Weber nun, doch eigentlich sei es "der Hammer, dass wir hier mit Gold stehen".
Nur die Sache mit ihren angeblich so lässigen Fahrten zu ihren Olympiasiegen mussten die beiden Erfolgsduos dann doch relativieren. Nervosität sei vor dem Start schon vorhanden gewesen, räumte Weber ein, "aber wenn man dann auf dem Wasser ist, ist es nur Kanufahren". Das Erfolgsgeheimnis der beiden Zweierboote klang immer noch ziemlich ähnlich.