Die fröhliche Mädel-Gruppe hat sich Deutschland-Shirts übergezogen und solche mit dem Aufdruck "Diskusqueen". Sie schwenken Fähnchen und trällern abwechselnd in ein Mikrofon - nicht komplett tonrein - einen selbstbetexteten Song. "64, 66, 70, 80 Meter weit" geht der Refrain auf den Fußball-WM-Ohrwurm "54, 74, 90..." der "Sportfreunde Stiller". Besungen wird hier "Mülli", die "schönste Leichtathletin" in London, "mit dem längsten Arm der Welt, wird sie Olympias neuer Held". 1 139 Klicks hatte das Video gestern Abend bei Youtube. Durchaus beachtlich.
Nadine Müller findet das speziell von "ein paar Freundinnen" für sie inszenierte Olympia-Lied "wirklich witzig und gelungen". Musik begeistert sie ja sowieso. Im Vorjahr hat sie sich ein DJ-Deck zugelegt und versucht sich seitdem als DJane "mit allem, was aktuell und angesagt ist". Aber meist daheim in der Wohnung in Halle, wo Kater "Othello" gut gelaunt zuhört, oder "maximal bei Feten mit Freunden".
In die Öffentlichkeit traut sich Nadine Müller nicht so recht - noch nicht. Doch vorstellen könnte es sich die 26-Jährige durchaus, einmal in einem angesagten Klub aufzulegen. Jetzt jedoch fühle sie sich noch nicht reif dafür, da brauche sie noch Training, sagt sie.
Nadine Müller neigt eben nicht zu nassforschem Übermut. Und im Fokus zu stehen, sich offensiv ins Rampenlicht zu stellen, das ist nicht ihr Ding.
Dabei fällt die Blondine zwangsläufig auf. Schon allein durch ihre Körperhöhe und ihre Attraktivität. "Wow. 1,93 Meter groß", hat eine Chiara Anjuli Heitkamp auf Müllers Facebook-Seite kommentiert. Die außergewöhnliche Größe, die ihr beim Diskuswurf wegen des im Lied korrekt beschriebenen "längsten Arms der Welt" durchaus Vorteile beschert, macht es im Alltag nicht immer einfach.
Im Kino, wo sie sich kurz vor den Sommerspielen "Ice Age 4" angeschaut hat, bleiben ihr nur die letzten Reihen. Um sich blödes Gemurmel zu ersparen, wenn sie jemandem die Sicht versperren sollte. Klamotten einfach mal im Laden kaufen, also wie andere Frauen gemütlich shoppen gehen, das hat sie längst aufgegeben. Verkäuferinnen, die sie irritiert anschauen, dann müde lächeln und "haben wir nicht" sagen, hat sie satt. "Ich bestelle meine Sachen seit sechs Jahren ausschließlich bei speziellen Shops im Internet", sagt Nadine Müller. Was soll sie auch sonst machen, da Alternativen fehlen? Größe kann auch Last sein. Und sie ist kein Garant für Selbstbewusstsein.
Doch für das Diskuswerfen ist sie zunächst ideal. Auch Basketball könnte passen, doch Nadine Müller hat sich bewusst und schnell für den Sport mit der Scheibe entschieden. "Ich war zwölf Jahre alt, da hat mich mein Vater, ein ehemaliger Diskuswerfer, mitgenommen. Ich habe es probiert, das Ding zu werfen und war mir sofort sicher: Das will ich", erzählt die Sportsoldatin über ihre Anfänge 1997. Zunächst kümmerte sich Trainer-Altmeister Gerhard Böttcher, der 1996 Ilke Wyludda zur Olympiasiegerin geformt hatte, um das Talent. Seit 2009 ist Rene Sack der Trainer der Hallenserin.
Und die ist inzwischen absolute Weltspitze. Bis vor fünf Wochen führte Nadine Müller die Jahres-Weltbestenliste an. Gewaltige 68,89 Meter hatte sie im März vorgelegt und die Konkurrenz geschockt. Der Gedanke an den ersten 70-Meter-Wurf manifestierte sich. Doch bislang konnte sie den Paukenschlag nicht wiederholen. 66,68 Meter schaffte sie bei den Werfertagen im Mai in Halle als zweitbestes Resultat. "Wir heben uns eine Top-Weite für das olympische Finale auf", sagt Coach Sack vor der heutigen Qualifikation. Er strahlt dabei Gelassenheit aus, die sich übertragen soll.
Denn Drucksituationen sind eine diffizile Angelegenheit für seinen Schützling, der als Medaillenkandidat mit Goldchance antritt. Aber: Bloß nicht Favorit sein, ja nicht in den Fokus drängeln - da ist es wieder. Und Zweifel verdrängen. Dabei hilft eine Psychologin.
"Erst muss man das Ei legen, dann kann man gackern. Viele, die vorher die große Klappe hatten, müssen sich später erklären, wenn es nicht klappt", beschreibt Sack die defensive Strategie. Also spricht Müller von "Platz eins bis sechs", wenn sie ihr Ziel für das Finale morgen - vorausgesetzt, sie erreicht es - nennen soll. Aber natürlich soll es eine Medaille werden.
Gelingt der Coup, dann erst will sich Nadine Müller raustrauen. Vielleicht lässt es die "Diskusqueen" als DJane auch zu ihrem Olympiasong krachen.