Mit aller Kraft schleudert Ilke Wyludda den Diskus. Doch noch hakt es an der Technik. (FOTO: ANDREAS WEISE)
Der Vergleich zwischen dem Champions League-Finale in München und dem Diskuswerfen der Behindertensportler am Sonnabend auf den Brandbergen wirkt im ersten Moment etwas verwegen. Aber, wer am späten Abend die heulenden Bayern-Spieler im Fernsehen gesehen hat, kann in etwa auch einschätzen, was Ilke Wyludda gut zehn Stunden früher meinte: "Zu Hause konnte ich noch nie werfen. Da sind alle Freunde da, alle, die man schon seit zehn, zwanzig Jahren kennt. Da will man besonders viel, und heraus kommt am Ende meistens gar nichts."
Dass gar nichts herausgekommen wäre, bei ihrem zweitem Wettkampf vor heimischem Publikum, damit übertreibt Ilke Wyludda natürlich. 27,22 Meter war ihr weitester Versuch im Diskuswurf, den sie nach ihrer Unterschenkel-Amputation gerade wieder neu erlernt. Dazu kamen drei weitere Würfe jenseits der 25 Meter. Das ist schon vorzeigbar, aber dennoch eher in der Kategorie durchwachsen anzusiedeln. Denn auch ihr Trainer Gerhard Böttcher war sich zuvor sicher, dass "es über die 30 Meter hinaus geht. Das kann Ilke, das hat sie drauf." Und das hatte sie vor allem bei ihren letzten beiden Wettkämpfen angedeutet. Vor zwei Wochen in Haldensleben landete der Diskus bei 27,79 Metern, eine Woche später in Königs Wusterhausen sogar bei 29,12 Metern.
Ilke Wyludda braucht also Wettkampf-Praxis, um chancenreich das anspruchsvolle Ziel Paralympische Spiele im September in London anzugehen. Deshalb wird sie an diesem Wochenende in München starten und die Woche darauf in Wittenberg. Dann folgt der Wahrsager bei der Deutschen Meisterschaft in Berlin vom 15. bis 17. Juni und anschließend die Nominierung der deutschen Mannschaft für London.
Auch für Ilke Wyludda gilt das Kriterium, dass sie in ihrem Wettbewerb reelle Medaillenchancen nachweisen muss, um dabei sein zu können. Einen Sonderstatus für ihren Olympiasieg 1996 in Atlanta gibt es nicht. Und reelle Medaillenchancen hätte sie mit einer Weite um die 35 Meter. Der aktuelle Weltrekord in dieser Disziplin steht bei 40,99 Metern.
Ilke Wyludda, ihr Heimtrainer Gerhard Böttcher und Bernd Mädler, der verantwortliche Bundestrainer für die Wurf- und Stoßdisziplinen der Behinderten-Leichtathletik, kennen diese Vorgaben nur zu genau. "Wir werden uns nach der Meisterschaft ganz tief in die Augen schauen, ob ein Start in London Sinn macht", sagt Mädler. Denn er weiß, die Entscheidung ist auch eine Frage des Respekts. "Wir tun uns doch alle keinen Gefallen, wenn sich Ilke in London vielleicht schon nach dem Vorkampf verabschiedet. Sie weiß selbst am besten, was für sie gut ist."
Ilke Wyludda lässt sich im Moment verständlicherweise nicht auf eine Für-und-Wider-London-Diskussion ein. "Ich will einfach nur schön und weit werfen. Alles andere findet sich", sagt sie. Zeitdruck scheint ihr völlig fremd zu sein. Sie will zunächst einmal nur Spaß haben an ihrem Sport. Und das sind für sie fünf Mal in der Woche Trainingseinheiten auf den Brandbergen und der inzwischen recht volle Wettkampfkalender. Dafür nimmt sie dann extra Urlaub. "Andere fliegen halt in die Karibik, ich lebe für meinen Sport", sagt Ilke Wyludda und lächelt dabei.
Gern würde sie Bernd Mädler vor der Meisterschaft für ein paar Tage im Trainingslager in Kienbaum haben. Doch das geht nicht, weil Ilke Wyludda neben dem Diskuswerfen auch noch einen anspruchsvollen Vollzeitberuf als Ärztin im Klinikum Bergmannstrost hat. Deshalb auch ist die Entscheidung für oder gegen London so schwierig und wird noch einmal für vier Wochen vertagt.