Leichtathletik: Lehrreicher Flop

14.05.2012 21:23 Uhr | Aktualisiert 14.05.2012 21:28 Uhr
Drucken per Mail
Li Yanfeng und Nadine Müller

Li Yanfeng jubelt triumphierend über ihre Siegerweite von Wiesbaden. Nadine Müller dagegen registriert das Ergebnis der Rivalin staunend. (FOTO: IMAGO)

Von Christoph Karpe
Diskus-Ass Nadine Müller analysiert ihren schwachen Wettkampf von Wiesbaden. Vor dem Heimauftritt am Wochenende in Halle hilft eine Psychologin.
Halle (Saale)/MZ. 

Über ihr schwebt die Hantel. 80 Kilo hat Nadine Müller in die Luft zu wuchten, gleich mehrmals. Trainer Rene Sack hält seine breiten Hände zur Sicherheit in Hab-Acht-Stellung. Sie werden kaum benötigt. Nach dem Ende der harten Serie sollen noch fünf Kilo draufgepackt werden. Nadine Müller, Halles Diskus-Ass, atmet schwer - und dann steht da der Neugierige. Na klar, weiß das hallesche Duo, was gleich gefragt werden wird. Aber bevor dieser rabenschwarze Wettkampf-Samstag von Wiesbaden, wo die Vizeweltmeisterin nur klägliche 59,66 Meter zustande gebracht hat, zur Sprache kommt, wird auf Angriffsmodus geschaltet.

"Wir reden jetzt genauso nur noch Flaches wie Fußballer", sagt Sack. Und Nadine Müller präzisiert: "Ich dachte, ich höre nicht recht, als der Philipp Lahm tatsächlich behauptet hat, seine Bayern hätten eine sehr gute erste Halbzeit gespielt", sagt sie. Gemeint ist das Pokalfinale, das 2:5-Debakel der Bayern gegen Dortmund und die weltfremde Analyse des Verlierer-Kapitäns hinterher. Schließlich lagen die Münchner schon zur Halbzeit 1:3 zurück.

Aber weil Leichtathleten nun einmal keine Fußballer sind und es deshalb gar nicht erst versuchen, eine Pleite schönzureden, bleiben sie sich dann doch treu. Nadine Müller findet klare Worte. "Es stimmte im Kopf nicht, und meine Technik hakte, jede Seite war zu 50 Prozent schuld", sagt die Vize-Weltmeisterin über ihren so unerwarteten Aussetzer beim ersten wichtigen Wettkampf der Saison.

Am 18. März hatte sie bei der Winterwurf-Challenge in Bar in Montenegro die noch aktuelle Jahresweltbestweite von 68,89 Metern erzielt. Nun endlich schien sie so stabil, beständig Top-Weiten abrufen zu können. Viele sahen in ihr die kommende Olympiasiegerin. Und nun dieser Rückschlag. So musste sie staunend zuschauen, wie Weltmeisterin Li Yanfeng aus China mit starken 67,84 Metern triumphierte.

Doch vor der Neuauflage dieses Duells am Sonnabend bei den Werfertagen in Halle ist Nadine Müller nicht bange. "Ich freue mich auf mein Heimspiel. Es wird mein erster von drei Höhepunkten mit EM und Olympischen Spielen", sagt sie. Und bis dahin soll dieser "Flop des Jahres" aufgearbeitet sein.

Einige Gründe weiß die 26-Jährige schon: "Im Trainingslager auf Zypern hatte ich Oberschenkel-Probleme. Da musste ich mehr als 100 Würfe weglassen." Aber dieses Defizit war nicht die alleinige Ursache: "Schon beim Einwerfen habe ich gemerkt: Es läuft nicht normal. Im Wettkampf kamen zwei ungültige Versuche, zwei mit etwa 62 Metern konnte ich nicht halten. Und irgendwann habe ich mir gesagt: ,Das kannst du heute hier abhaken.‘"

Doch Nadine Müller steckt jetzt nicht den Kopf in den Sand. Sie sieht diesen Warnschuss positiv: "Ich bin froh, dass es so zeitig in der Saison passiert ist. Da habe ich noch Zeit zu reagieren. Es sind ja noch ein paar Wochen bis London." In den kommenden Tagen wolle sie deshalb auch mal wieder ihre Psychologin kontaktieren und sich ein paar Tipps geben lassen.

Aber ihr Selbstvertrauen ist keineswegs in den Grundfesten erschüttert. So schnell wie früher lässt sie sich nicht mehr mental aus der Bahn werfen. "Inzwischen bin ich cooler. Ich bekomme deshalb keine wackligen Knie. Denn ich weiß, was ich drauf habe", sagt Nadine Müller und blickt dabei entschlossen und entspannt.

Dieser Glaube an sich selbst hat dann doch etwas von der Mentalität bajuwarischer Kicker. Die lassen sich auch von einer Pokal-Pleite nicht aus der Ruhe bringen. Der Wettkampf, der wirklich zählt, kommt schließlich noch. Für beide. Das Champions-League-Finale und die Olympischen Spiele. "Da muss dann alles passen - und ich bin sicher: Es wird", sagt Müller.