Leichtathletik: Premiere im Wohnzimmer

20.05.2012 23:09 Uhr | Aktualisiert 20.05.2012 23:12 Uhr
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Abwurf

Nadine Müller setzt zum Diskuswurf an. (FOTO: DPA)

Von Petra Szag
Nadine Müller holte bei den Halleschen Werfertagen ihren ersten Sieg. Zu den Bezwungenen zählte Weltmeisterin Li Yanfang aus China.
Halle (Saale)/MZ. 

War es wirklich das allererste Mal? So manch einer der 4 000 Zuschauer am Samstag in Halles Brandbergen mochte es gar nicht glauben, als Abo-Starterin Nadine Müller über Lautsprecher zu ihrem Premiere-Sieg bei den Halleschen Werfertagen gratuliert wurde. Die deutsche Diskus-Queen soll bisher noch nie in ihrem eigenen Wohnzimmer triumphiert haben?

"Es ist wahr, das ist mein erster Sieg in der Frauen-Konkurrenz", diktierte die Vizeweltmeisterin anschließend fröhlich lachend den Journalisten in die Schreibblöcke und Mikrofone. "Ich freue mich so, diesmal in meinem kleinen Dorf auf meiner kleinen Anlage gewonnen zu haben." Eine Begründung, warum ihr der Diskus diesmal so gut von der Hand ging, hatte sie auch gleich parat: "Es ist ein super geiles Gefühl für all die zu werfen, die extra wegen dir hergekommen sind."

Diese innerlichen Gefühlswallungen auf vertrautem Terrain ließ ihre Scheibe 66,68 Meter weit segeln. Da konnte weder die Zweitplatzierte Zaneta Glanc aus Polen mithalten (65,34) noch Chinas Weltmeisterin Li Yanfang (65,09).

Was Nadine Müller besonders freute: Jeder ihrer sechs Versuche landete jenseits der 64er-Marke - das spricht für Konstanz. "Wir bewegen uns in dem Bereich, in dem die Medaillen vergeben werden", meinte Müller mit Blick auf die Europameisterschaft und die Olympischen Spiele in diesem Sommer: "Vielleicht geht es einen halben oder auch einen Meter weiter."

Auf die Frage, wieso deutsche Frauen in dieser Disziplin seit Jahren das Niveau weltweit mitbestimmen, antwortete die Blondine kess: "Wir haben es eben drauf!" Und dass das so ist, das will Nadine Müller nicht verschweigen, daran haben einige Männer eine Aktie. "Wir haben die Trainer dafür", sagt sie - und meint allen voran ihren eigenen Coach: Rene Sack: "Wir arbeiten seit drei Jahren zusammen, sind noch im Experimentier-Modus."

"Sehr souverän im Auftreten"

Gebracht hat das Experimentieren schon eine ganze Menge, wovon man sich in Halle überzeugen konnte, aber längst noch nicht alles. Wo bei der lang aufgeschossenen Athletin noch ein paar Prozente herauszukitzeln sind, weiß Sack: "Bei ihrer Körperspannung, dem Körpergefühl, der Schnelligkeit." Helfen soll dabei die Zusammenarbeit mit dem Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig.

Der verantwortliche Bundestrainer Jürgen Schult sieht die hallesche Athletin und ihren Trainer auf dem richtigen Weg. Er war auch letzte Woche bei dem verkorksten Wettkampf in Wiesbaden dabei, als es nicht einmal mit den 60 Metern klappen wollen. "Nadine wirkt sehr souverän in ihrem Auftreten", lobt Schult die 26-Jährige. Die Niederlage habe sie gut weggesteckt. "Ich bin guter Dinge, dass sie die Saison gut hinbekommt."

Noch einen Schritt weiter geht Franka Dietzsch. Die Neubrandenburgerin, die viele Jahre das Nonplusultra im Diskuswerfen weltweit verkörperte und dreimal Weltmeisterin war, traut Nadine Müller den ganz großen Wurf zu: "Für mich ist sie eine heiße Kandidatin auf den Olympiasieg." Über den Winter habe sie das Training ihrer einstigen Auswahlkollegin verfolgt. Das alles stimme sehr zuversichtlich.

Drei Deutsche haben die Norm

Und die Zuversicht teilt sie mit der Hoffnungsträgerin. "Ich weiß, was ich kann", sagt Nadine Müller voller Selbstbewusstsein. Eine Niederlage wie die zuletzt in Wiesbaden wirft sie nicht mehr um. Genauso aber will sie ihren Sieg über Chinas Weltmeisterin nicht überbewerten. "Es ist gut zu wissen, dass auch sie zu schlagen ist, jetzt steht es zwischen uns 1:1."

Dass mit Julia Fischer (63,37) und der 18-jährigen Anna Rüh (62,32) zwei weitere Deutsche die Olympia-Norm schafften, hatte Nadine Müller wohl sehr zeitnah registriert. Und heißt das gut. "Das hätte ich vor der Saison nicht gedacht", sagt die HLF-Athletin, "aber es ist schön, nicht allein zu den großen Wettkämpfen fahren zu müssen. "