Leichtathletik: Schwieriger Balance-Akt

14.06.2012 16:35 Uhr | Aktualisiert 14.06.2012 23:00 Uhr
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Ariane Friedrich

Die deutsche Athletin Ariane Friedrich in Aktion. (FOTO: DPA)

Von Ralf Jarkowski und Andreas Schirmer
Speerwurf-Weltmeister Matthias de Zordo und Hochsprung-Ass Ariane Friedrich brachten den vom Verband geforderten Leistungsnachweis noch nicht. Sie müssen noch um ihr Olympia-Ticket zittern.
BOCHUM/SID/MZ. 

Alyn Camara, Tatjana Pinto? Nur echte Experten kannten diese Namen, bevor sich der Leverkusener Weitspringer auf 8,20 Meter und die 100-Meter-Läuferin aus Münster als bisher zweitschnellste Europäerin auf 11,19 Sekunden steigerten. Die bisherigen Nobodys werden von zwei Stars der deutschen Leichtathletik beneidet, denn sie haben wie 50 andere bereits die Olympia-Norm in der Tasche. Dagegen müssen Prominente zittern: Speerwurf-Weltmeister Matthias de Zordo und Hochsprung-Ass Ariane Friedrich brachten den vom Verband geforderten Leistungsnachweis noch nicht.

Eineinhalb Jahre nach ihrem Achillessehnenriss schaffte Ariane Friedrich in ihren beiden Freiluft-Wettkämpfen mit 1,92 Metern jeweils die Norm für die Europameisterschaft Ende des Monats in Helsinki. Sie scheiterte aber zuletzt im Regen von Turin um drei Zentimeter am Ziel Olympia. "Ariane ist im Gegensatz zu etlichen Rivalinnen zwar eine gute Regenspringerin, doch wenn man eine Norm schaffen muss, wünscht man sich diese Bedingungen nicht", sagt Günter Eisinger. Der Trainer und Manager der Hallen-Europameisterin von 2009 macht deutlich: "Es wäre eine Befreiung, wenn es am Samstag gelingen würde."

Am Samstag startet Ariane Friedrich bei der deutschen Meisterschaft in Wattenscheid. Und selbst wenn ihr die Norm auch dort nicht gelingt, hat ihr Trainer einen Plan. "Dann hat sie ihre Chance bei der EM in Helsinki. Qualifikation und Finale sind Dienstag und Mittwoch. Und am Wochenende gäbe es die Chance zu einem weiteren Wettkampf, bevor der Deutsche Olympische Sportbund am 4. Juli nominiert."

Die "Facebook-Affäre" aus dem April ist offiziell nicht der Grund, dass Ariane Friedrich nur schwer zu Höhenflügen ansetzt. Damals hatte sie einen Mann geoutet, der sie massiv belästigt hatte. Auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte sie Teile einer anzüglichen E-Mail, die sie erhalten hatte, mitsamt dem vollen Namen und Wohnort des vermeintlichen Absenders.

Friedrich antwortete per offenem Brief auf die sexuelle Belästigung: "Nein, Herr D., ich möchte weder Ihr Geschlechtsteil noch die Geschlechtsteile anderer Fans sehen. Anzeige folgt."

Doch ihr Gegenangriff kam als Bumerang zurück. Kritiker sahen darin einen Akt von Selbstjustiz. Außerdem habe sie womöglich Persönlichkeitsrechte des vermeintlichen Täters verletzt.

Inzwischen haben sich die Wogen geglättet. "An Ariane ist das weitgehend vorbeigelaufen, in erster Linie war ich damit konfrontiert. Inzwischen ist klar, dass es sich um den Mann handelte, der von uns genannt wurde. Die Staatsanwaltschaft wird uns benachrichtigen, wenn es im Verfahren weiter geht", sagt Eisinger.

Noch knapper als Ariane Friedrich ist Weltmeister Matthias de Zordo in zwei seiner vier Saisonwettkämpfe an den für London nötigen 82 Metern gescheitert. In Shanghai mit 81,62, in Oslo mit 81,44 Metern. "Wir wissen inzwischen, warum die Speere immer weggingen, nicht richtig flogen. Ich hatte zu viel Rotation im Oberkörper, kam dadurch in Rücklage, der Anlauf wurde auf den letzten Metern immer langsamer. Die letzten Tests waren gut, in Wattenscheid will ich es jetzt besser machen", sagt der 24 Jahre alte Saarbrücker.

Das Problem wurde "enttarnt", als Trainer Boris Henry vergangenen Sonntag in St. Wendel erstmals in dieser Saison bei einem Wettkampf dabei war. "Mir fehlte sein fachmännisches Auge. Ich wusste nicht, warum ich die Speere nicht treffe", sagt de Zordo.

Schlaflose Nächte hat er wegen der fehlenden Norm allerdings nicht. "Matthias legt eine erstaunliche Coolness an den Tag. Die hat mir in meiner eigenen Karriere manchmal ein bisschen gefehlt", sagt Boris Henry, zweimal WM-Dritter im Speerwurf. In Wattenscheid soll sich die Lockerheit in Weite auszahlen.