Lok Leipzig: Ex-HFC-Spieler Seipel erstattet Anzeige

25.05.2012 09:25 Uhr | Aktualisiert 27.05.2012 15:18 Uhr
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Benedikt Seipel

Die Sekunden nach dem Schrecken: Beim Feiern in der Fankurve nach Spielende wurde der Fußballer Benedikt Seipel (Bild Mitte) von einem Feuerwerkskörper im Gesicht getroffen. (FOTO: BERND SCHARFE)

Von Steffen Könau
Mit Feuerwerkskörpern wollen Fans Stimmung machen. Ein Spieler aus Halle wurde jetzt von einem Bengalo im Gesicht getroffen. Er sagt: Es reicht.
Halle (Saale)/MZ. 

Für einen Augenblick ist alles weg. Die jubelnden Fans, die Gesänge, die Mannschaftskameraden, die die Arme hochreißen. „Ich bekam einen Schlag“, erinnert sich Benedikt Seipel, „und es hat mich umgerissen.“ Ein Internetfilm zeigt, wie der fast 1,80 Meter große Fußballer fällt wie ein Baum. Ein Polizist wirft sich schützend über ihn, ein Ordner eilt herbei, Mitspieler reagieren entsetzt.

Alptraum am Saisonende

Ein Alptraum, der mitten in den Moment bricht, für den die Mannschaft des 1. FC Lok Leipzig ein Jahr lang trainiert und viele Belastungen auf sich genommen hat. Im Winter bei zehn Grad minus auf dem Hartplatz, der bei Heimspielen als Parkplatz dient. Im Bus bei langen Auswärtsfahrten, nach dem Seminar an der Uni in Halle, an der Benedikt Seipel studiert. Ein Sieg reicht dem vor neun Jahren neugegründeten Traditionsverein zum Aufstieg in die Regionalliga. In acht Jahren wäre der 2004 liquidierte frühere Bundesligist damit sieben Ligen nach oben geklettert.

Das wissen sie an diesem Samstag in Chemnitz alle, die Spieler und die Fans. Doch obwohl Lok mit 2:0 als Sieger vom Platz geht, passiert, was mittlerweile zum Routineprogramm der Fankurven überall im Land gehört: Es fliegen Böller, bengalische Feuer brennen, und Rauch steigt auf. „Wir liefen trotzdem Richtung Kurve, um uns für die Unterstützung zu bedanken“, erzählt Benedikt Seipel, der bis vor zwei Jahren beim Halleschen FC spielte und heute bei Lok stellvertretender Kapitän ist. Wie aus dem Nichts kommt dann dieser Bengalo angeflogen, so kraftvoll geworfen, dass keine Zeit zum Ausweichen bleibt. „Ich hatte nur Glück, dass es mich an der Stirn erwischt hat und nicht im Auge.“

Der letzte Treffer der Saison, für den 25-Jährigen ist er mehr als nur die Ursache einer kleinen Stirnverletzung. Nicht nur, dass am Aufstiegsabend die Feierlaune weg ist. Nein, Seipel, der aus Thüringen nach Halle kam, spürt, dass ihn der Brandkörper viel tiefer getroffen hat. Vor einigen Wochen in Dresden waren er und seine Mitspieler vom eigenen Anhang mit Feuerzeugen beworfen worden. „Obwohl wir in den Wochen zuvor 15 von möglichen 18 Punkten geholt hatten.“ Dann waren da die Fernsehbilder aus Düsseldorf mit der brennenden Hertha-Kurve und dem Platzsturm der Fortuna-Fans. Alles zusammen ließ Seipel, der Sport und Sozialkunde auf Lehramt studiert, nachdenklich werden. „Ich habe tagelang überlegt, ob ich mich zu wichtig nehme, wenn ich sage, es reicht jetzt, es muss etwas passieren, damit das aufhört.“

Benedikt Seipel weiß, was auf dem Spiel steht. „Der Verein hat sich sofort hinter mich gestellt“, sagt er, „aber es kann sein, dass Fans sauer sind“. Er hat mit Freunden gesprochen und sich Rat geholt. Und dann beschlossen, dass er zur Polizei gehen wird, um Anzeige gegen den Bengalowerfer zu erstatten. „Ich möchte nicht, dass Lok dadurch wieder schlechte Schlagzeilen bekommt“, erklärt er, „aber einer muss mal sagen, dass diese Leute aufhören müssen, weil sonst unser Sport kaputtgeht“. Die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate zeigen deutlich, dass diese Befürchtung nicht von der Hand zu weisen ist. Niemals zuvor stand eine Saison so im Zeichen der Dinge, die jenseits des grünen Rasens geschahen. Dresdner Fans randalierten in Dortmund, bei St. Pauli traf ein Fan mit einem Bierbecher den Linienrichter. Magdeburger Fans bedrohten ihren eigenen Mannschaftskapitän, in Köln überfielen Fans einen Spieler. Und „Ultras“ des 1. FC Köln hängten ein Transparent mit der Drohung „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot!“ am Trainingsplatz auf.

Die Vereine reagieren mit Stadionverboten, die Fans darauf wiederum mit Protesten. Galt es beim Fußballbund jahrelang als ausgemacht, dass nur die unteren Ligen ein Problem mit gewalttätigen Fans haben, bewiesen die letzten Monate das Gegenteil. Eintracht Frankfurt, Hansa Rostock und Dresden mussten Heimspiele ganz oder teilweise ohne Zuschauer austragen. In Karlsruhe randalierten Fans nach einem verlorenen Abstiegsspiel, den Nürnbergern reichte schon ein verlorenes Derby, um den Platz zu stürmen.

„Ich weiß nicht, woran das liegt“, sagt Seipel, der mit sechs Toren seinen Anteil am Aufstieg der alten Lok in die neue Liga hat. Schon beim Spiel gegen Dresdens Reserve beobachtete er verwundert, dass die zur „Völkerschlacht“ (Ultra-Werbung) angereisten Dynamo-Fans gar kein Interesse am Spiel haben. „Die waren nur zum Krawall machen da.“ Er habe die Sorge, dass das Drumherum immer wichtiger werde als das Spiel. Im Fall seiner Lok seien ja sogar die Aufstiegsszenen, die normalerweise aus sich heraus strahlen, durch Fernsehbilder von Feuerwerkskörpern und einem Polizeiaufmarsch unter dicken Rauchschwaden überlagert worden. „Das ist so schade.“

Zwei Handvoll Idioten

„Zum Schluss heißt es dann wieder, die Lok-Fans waren das“, sagt Seipel, der genau weiß, dass nur zwei Handvoll der Anhänger in Blau-Gelb ohne Rücksicht auf Verluste von sich reden machen. „Diese Idioten gibt es bei jedem Verein“, sagt er, „aber das kann kein Grund sein, nicht endlich mal zu sagen, Schluss, es reicht, hört auf damit oder verschwindet.“ Seine anfängliche Befürchtung, dass Fans ihm seinen Gang an die Öffentlichkeit übelnehmen könnten, ist nicht eingetroffen. In ihren Internetforen äußern sich Lok-Anhänger fast durchweg positiv zu seinem Schritt. Seipel sieht sich bestärkt: „Ich glaube, wir dürfen uns das Spiel nicht von diesen Leuten wegnehmen lassen, denn es ist nicht ihr Spiel, sondern unseres.“