Stefan Bradl holte den vierten Platz beim Großen Preis von Italien in Mugello. (FOTO: DPA)
Stefan Bradl fährt schnell, Stefan Bradl lernt schnell. So viel war bekannt. Und genau aus diesem Grund darf der Motorrad-Weltmeister seit diesem Jahr im Konzert der Großen mitmischen. Dass der Rookie aber schon in der ersten Saisonhälfte so weit vorn mitfährt und der MotoGP-Elite Woche für Woche frech die Stirn bietet, versetzt selbst das engste Umfeld des 22-Jährigen in ungläubiges Staunen.
Bradl hat sich in der Königsklasse auf Anhieb einen Namen gemacht. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er es als erster deutscher Pilot in der MotoGP auf das Podium schafft. „Er hat das Potenzial“, sagt Teamchef Lucio Cecchinello. Deshalb hat er den Moto2-Champion aus Zahling schließlich geholt. Überglücklich war der Italiener nach der abermals beeindruckenden Vorstellung seines Schützlings in Mugello.
Als Vierter fuhr Bradl haarscharf am Podest vorbei, holte aber seine beste Saisonplatzierung. Auch weil bei LCR-Honda das Zusammenspiel perfekt funktioniert. „Ich werde an jedem Wochenende optimal unterstützt, vor allem von Lucio. Er ist ein harter Arbeiter, und mit diesem großartigen Ergebnis möchte ich ihm etwas zurückgeben“, sagte Aufsteiger Bradl und bedankte sich.
Achtmal in den Top 10, davon dreimal unter den Top 5: Bradl ist seiner Zeit voraus. Eigentlich waren Platzierungen unter den besten Sechs erst für die zweite Saisonhälfte vorgesehen, der Newcomer liegt nach neun von 18 Rennen weit über dem Soll. Die Halbzeitbilanz im „Lehrjahr“ kann sich sehen lassen. Achter, Siebter, Neunter, Fünfter, Achter, Neunter, Fünfter, Vierter. Bradl ist konstant schnell unterwegs und unterstreicht dazu auch in der schwersten Klasse eine seiner ganz großen Qualitäten.
Der ehrgeizige Bayer macht wenige Fehler, stürzt ganz selten und sieht fast immer die Zielflagge. Ein einziger Ausfall steht in der Statistik. Bradl laufe „wie ein Uhrwerk“, sagte sein Vater Helmut nach dem Großen Preis von Italien. Treffender hätte man es nicht formulieren können. Schon vor dem zehnten WM-Lauf Ende des Monats in Laguna Seca/Kalifornien, wo nur die MotoGP-Klasse an den Start geht, hat Bradl seinen festen Platz im Feld gefunden.
Die Kräfteverhältnisse sind ziemlich klar verteilt. Der spanische WM-Spitzenreiter Jorge Lorenzo (Yamaha) ist für Bradl außer Reichweite, auch Weltmeister Casey Stoner (Australien) und der zweite Honda-Werksfahrer Dani Pedrosa (Spanien) sind für den Neuen unter normalen Umständen nicht zu packen.
Aber mit allen anderen Konkurrenten, darunter reichlich Prominenz wie der neunmalige Champion Valentino Rossi aus Italien oder Ex-Weltmeister Nicky Hayden (USA), kann Bradl mehr als nur mithalten: Er hat sie im Griff. Siebter ist der deutsche Hoffnungsträger im WM-Klassement, 75 Punkte hat Bradl bereits auf dem ordentlich gefüllten Konto und damit schon jetzt mehr als sein einziger deutscher MotoGP-Vorgänger in seinem besten Jahr. Alex Hofmann hatte 2007 vor seinem Abschied aus der Königsklasse 65 Zähler geholt. Um den Weltmeistertitel ist der heutige TV-Kommentator nie mitgefahren, Bradl ist der ganz große Wurf dagegen absolut zuzutrauen.
Auch Titelverteidiger Stoner startete seine MotoGP-Karriere 2006 unter Cecchinello bei LCR-Honda, ein Jahr später setzte sich der Ausnahmekönner die WM-Krone auf. Nach einem Wechsel zu Ducati. So schnell wird es bei Bradl wohl nicht gehen, auch weil für den WM-Coup zwingend eine Werksmaschine her muss. Und Bradl wird nach derzeitigem Stand wohl auch in der nächsten Saison für das Satellitenteam LCR starten.
Doch Bradl hat auf dem Weg zur Spitze keine Eile, mit 22 Jahren gehört dem hochtalentierten Youngster die Zukunft. Schritt für Schritt soll es in der MotoGP nach vorne gehen, so wie seit Saisonbeginn. Die nächste Stufe ist schon in Sichtweite, Bradl hat in Mugello erst seinen ersten Anlauf Richtung Podium unternommen. Der nächste wird nicht lange auf sich warten lassen.