Claudia Malzahn, 28, Judoka, Vizeweltmeisterin. Start: Klasse bis 63 Kilogramm. Prognose: Von Medaille bis Erstrunden-Aus ist alles möglich. (FOTO: DPA)
57 Tage vor dem Olympia-Auftakt liegt Katja Dieckow mutterseelenallein im Garten ihrer elterlichen Wohnung in Halle-Nietleben. Die Ruhe abseits ihrer Trainingsstätte hat sie sich selbst verordnet, um hier auf die Information zu warten, auf die die Wasserspringerin vier Jahre lang zielstrebig hingearbeitet hat: ihre Nominierung für die Sommerspiele in London.
Um 15.15 Uhr schließlich sieht es die Athletin vom SV Halle schwarz auf weiß über ihren Laptop auf der Homepage des Deutschen Olympischen Sportbundes: Sie darf beim Saisonhöhepunkt ab 27. Juli in London starten. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat sie gestern offiziell nominiert. "Es ist schön, die Gewissheit zu haben", sagte die 27-Jährige.
Mit dem Gewinn der deutschen Vizemeisterschaft und einer hohen Punktzahl beim Weltcup in Montreal hatte sie alle Vorgaben ihres Verbandes erfüllt. Trotzdem war für Katja Dieckow, die 2008 in Peking ihren olympischen Einstand gegeben hat, die Berufung mehr als nur ein formeller Akt. Ihre Freude teilt sie am Telefon mit ihrem Freund Ralf Buchheim in Frankfurt (Oder). Auch der Schütze steht auf der Nominierungsliste.
Die zweite London-Fahrerin aus Halle erfuhr ihre Bestätigung in Köln. Seit Dienstag ist Claudia Malzahn dort im Bundesstützpunkt mit der Judo-Nationalmannschaft im Trainingslager. Zeit zum Feiern bleibt da nicht. "Das holen wir später nach", meint die 28-Jährige. "Jetzt heißt es vor allem aufpassen, um sich nicht mehr zu verletzen", sagt die Kampfsportlerin - und denkt dabei an ihre Schwester Luise Malzahn. Die war Reservistin für Olympia und zog sich am Wochenende einen Kreuzbandriss im Knie zu.
2004 und 2008 war Claudia Malzahn als Ersatzfrau nah dran an einem Olympia-Start. "Diesmal endlich hat es geklappt", sagt sie erleichtert.
85 Athleten hat der DOSB in seiner ersten von drei Nominierungsrunden in das London-Aufgebot berufen, und zwar in den Sportarten Badminton, Boxen, Fechten, Judo, Radsport, Schießen, Segeln, Taekwondo, Tischtennis, Trampolin-Turnen und Wasserspringen. Mit Dieckow und Malzahn sind bisher nur zwei Sachsen-Anhalter dabei.
Doch weitere Sportler des Bundeslandes werden folgen. Am 25. Juni und 4. Juli kommen die nächsten Runden des DOSB. Die Schwimmer beispielsweise hatten erst letzte Woche ihren zweiten Qualifikationswettkampf. Weltrekordler Paul Biedermann, Daniela Schreiber, Theresa Michalak (alle Halle) und Helge Meeuw (Magdeburg) haben die Normhürde genommen.
Neben den Beckenschwimmern werden die Leichtathleten das Rückgrat von Sachsen-Anhalts Olympiamannschaft bilden. Diskuswerferin Nadine Müller, Zehnkämpfer Rico Freimuth (beide Halle), Kugelstoßerin Nadine Kleinert und Martin Wierig (beide Magdeburg) ebenfalls mit dem Diskus empfahlen sich mit Weltklasseleistungen. Auch Josephine Terlecki (Kugelstoßen) erfüllte die Norm. Die 400-Meter-Läufer Janin Lindenberg und Eric Krüger (beide Magdeburg) haben noch die Chance, sich ein Ticket zu ergattern. Ob Turner Matthias Fahrig den Sprung schafft, ist offen. Seine Qualifikationswettkämpfe sind erst in diesem Monat.
Flaute herrscht dagegen bei den Ruderern. Noch kann sich keiner am sicheren Ufer wähnen. Die Entscheidung fällt nach dem Weltcup in zwei Wochen in München. Gekentert sind die Slalomkanuten. Bei den Rennkanuten steht zumindest Andreas Ihle vor einer Nominierung. Wie auch schon bei den letzten Spielen werden aber weder Boxer noch Gymnastinnen aus Sachsen-Anhalt in London vertreten sein.
Bei der Bekanntgabe der ersten Nominierten in Frankfurt (Main) herrschte Zuversicht. "Unter dem Motto ,Wir für Deutschland' werden unsere Sportlerinnen und Sportler Deutschland sympathisch und erfolgreich im härtesten Wettstreit der Olympia-Geschichte repräsentieren", sagte DOSB-Präsident Thomas Bach.
Wahrscheinlich wird Deutschland in 23 der 26 olympischen Sportarten vertreten sein, erklärte Michael Vesper, bei den Spielen Chef de Mission. Sicher fehlen wird Deutschland aber im Basketball, Fußball und Handball. "Der Olympiamannschaft werden rund 380 Sportlerinnen und Sportler angehören. Auch wenn wir das kleinste Team seit der Wiedervereinigung erwarten, wird es ein leistungsstarkes sein", sagte Vesper. Ziel sei es, den in Peking erkämpften Platz in der Weltspitze zu verteidigen.
Vor vier Jahren hatte die Mannschaft mit 41 Medaillen, darunter 16 goldenen hinter China, den USA, Russland und Großbritannien im Medaillenspiegel Platz fünf belegt. Von den 440 Sportlern kamen 16 aus Sachsen-Anhalt.