Am Freitagabend werden die 30. Olympischen Spiele in London eröffnet. Dann weht die Olympische Flagge im britischen Wind. Das Olympische Feuer brennt. Bis zum 12. August kämpfen Athleten aus über 200 Nationen um Gold, Silber und Bronze. Für Deutschland treten 392 Sportler in 23 Sportarten an. Einzig die Wettbewerbe im Fußball, Handball und Basketball finden ohne deutsche Beteiligung statt. Kein Problem für Thomas Dräscher, Tino Beck und Lutz Wilke, die ohnehin auf andere Entscheidungen warten.
Bereit zur Aufnahme
"Für die vermeintlichen Randsportarten ist Olympia immer eine Chance, um sich zu präsentieren", sagt Thomas Dräscher, Trainer der Judoka der SG Chemie Wolfen, "wir hoffen natürlich auch, dass Kinder dadurch den Einstieg in den Sport finden." In London werden jeweils sieben Judo-Wettbewerbe für Frauen und Männer ausgetragen. Von den deutschen Teilnehmern hat auch Ole Bischof eine Medaille im Visier.
Der Olympiasieger von 2008 möchte seine in Peking errungene Goldmedaille verteidigen. "Das wird ganz schwer, weil seine Gewichtsklasse sehr stark besetzt ist", meint Thomas Dräscher, "aber ich denke doch, dass die deutschen Judoka mit der ein oder anderen Medaille nach Hause kommen werden."
Tino Beck, Radsportler aus Zabitz, hofft ebenfalls auf Erfolge deutscher Athleten. Im Bahn- und Straßenradsport, BMX und Mountainbike finden insgesamt 18 Wettbewerbe statt. Nach dem Tour de France-Erfolg des Briten Bradley Wiggins blicken auch die Gastgeber den Entscheidungen auf den Rädern gespannt entgegen. "Wer mit einer guten Form aus der Tour kommt, der hat auch bei Olympia gute Chancen", meint Tino Beck, dessen Medaillenhoffnungen vor allem auf den deutschen Startern Tony Martin und Andre Greipel ruhen.
Für Beck, der nach den Stationen Bodybuilding und Handball erst im Alter von 35 Jahren mit dem Radsport begann, haben die Olympischen Spiele einen besonderen Reiz. "Olympia ist einfach das größte Sportereignis der Welt, das außerdem nur alle vier Jahre stattfindet", erzählt der heute 43-Jährige und blickt fast schon ein wenig wehmütig auf die eigene sportliche Laufbahn zurück: "Hätte ich früher mit dem Radsport angefangen, dann wäre das für mich vielleicht auch mal ein Thema gewesen."
Während der kommenden Wochen wird Beck die Entscheidungen in London hauptsächlich via Internet und im Fernsehen verfolgen. Um sämtliche Radsport-Entscheidungen aufzunehmen, stehe der Festplattenreceiver bereits bereit, so sagt er. "Am Wochenende könnte ich den ganzen Tag auf der Couch liegen", schmunzelt Tino Beck, "das ist halt Olympia, da guckt man alles."
London statt Sandersdorf
Lutz Wilke würde den Platz vor dem TV-Gerät ohne Frage gegen eine Eintrittskarte tauschen. "Ich wäre liebend gerne dabei", erzählt der Vorsitzende des Sandersdorfer Kanu-Vereins. Berufsbedingt ist das allerdings nicht möglich. Der Kanu-Verein aus Sandersdorf ist dennoch bei Olympia 2012 vertreten: Vereinsmitglied Anja Freitag weilt bereits seit einer Woche in London, arbeitet dort ehrenamtlich im Bereich der Sportlerbetreuung.
Mit Lutz Wilke steht die Studentin fast täglich per SMS in Kontakt. "Die Bedingungen in London sind hervorragend", weiß Wilke daher. Beste Aussichten für die deutschen Kanuten - 25 Athleten verteilt auf 14 Wettbewerbe - um die begehrten Medaillen zu ergattern.
Doch: "Am Ende ist die Teilnahme entscheidend", meint Lutz Wilke, "es geht schließlich darum, friedlich die sportlichen Kräfte zu messen, wie damals bei den alten Griechen." Besser könnte man den Olympischen Gedanken kaum formulieren.
Genau dieser lässt auch regelmäßig Exoten aus kleineren Nationen zu olympischen Helden werden, wenn sie etwa als Letzte das Ziel beim Marathon durchqueren oder gar mit einer Medaille für Überraschungen sorgen. Und auch in Deutschland jubelt plötzlich jeder über einen Medaillengewinner aus einer Randsportart.