Paralympics: Die Kugel wird plötzlich zum Freund

14.06.2012 22:19 Uhr | Aktualisiert 14.06.2012 22:56 Uhr
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Ilke Wyludda

Ilke Wyludda hat sich als Kugelstoßerin an die Weltspitze gekämpft. (FOTO: MZ)

Von GOTTFRIED SCHALOW
Ilke Wyludda kämpft am Samstag bei der deutschen Meisterschaft um ihr Ticket nach London. Dabei spielt der Diskus nicht mehr die Hauptrolle.
Halle (Saale)/MZ. 

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie sich in nur einem Vierteljahr Vorlieben und Zielvorstellungen ganz wesentlich ändern können. Das passiert im Sport genauso wie im richtigen Leben. Beispiel Ilke Wyludda. Als sie im März auf den Brandbergen in Halle erstmals nach zehnjähriger Pause wieder zu einem öffentlichen Wettkampf antrat, blickte alles auf den Diskus. Jenes Leichtathletik-Gerät, mit dem sie 1996 in Atlanta Olympiasiegerin geworden war und mit dem sie auch im Behindertensport zügig wieder an das Tor zur Weltspitze anklopfen wollte. Dass sie daneben auch noch im Kugelstoßen antrat, davon hat kaum jemand Notiz davon genommen. Auch weil Ilke Wyludda selbst sagte: "Das konnte ich noch nie."

Kugelstoßen, so war es gedacht, war nicht viel mehr als eine Abwechslung im Trainingsalltag. Inzwischen jedoch ist die Kugel zum Freund geworden. Mit stabilen Serien, zuletzt 9,69 Meter bei einem Sportfest in Wittenberg, ist Ilke Wyludda heimlich, still und leise auf dem achten Platz der aktuellen Weltbestenliste ihrer Behindertenklasse angekommen. "Damit hat sie ernsthafte Chancen auf eine Finalteilnahme bei den Paralympics in London. Bis zu den Medaillen fehlen vielleicht noch siebzig, achtzig Zentimeter", sagt Bernd Mädler, der verantwortliche Disziplintrainer im Deutschen Behindertensportverband.

Bei der deutschen Meisterschaft in Berlin kann Ilke Wyludda am Samstag schon fast endgültig die Fahrkarte nach London abholen. "17 Frauen und 14 Männer können wir für London nominieren. Da sollte sie mit dabei sein", sagt Mädler.

Im Kugelstoßen in London, dafür nicht im Diskuswerfen, der vertrauten und favorisierten Disziplin. Da hat Ilke Wyludda zuletzt in Wittenberg 28,75 Meter geworfen, ihre Bestweite liegt bei 29,22 Metern. "Bis zur Weltspitze fehlen noch mindestens fünf Meter", so Mädler.

Doch warum hat Ilke Wyludda im so wenig geliebten Kugelstoßen solch enorme Fortschritte gemacht, viel schneller als im Diskuswerfen?

Mädlers Erklärung klingt verblüffend einfach: "Kugelstoßen ist im Prinzip eine reine Kraftsache, das hat sie in den vergangenen Wochen ausreichend trainiert. Im Diskuswerfen musste sie dagegen einen völlig neuen Bewegungsablauf erlernen. Das dauert wesentlich länger."

Der so nicht geplante Wechsel der Leichtathletik-Disziplin kann Ilke Wyludda auch künftig zum Vorteil gereichen. Denn die Internationale Paralympics-Kommission plant, das Diskuswerfen schon 2016 ersatzlos aus dem Programm zu streichen. Das Kugelstoßen bleibt im Programm.