Es ist ein Bild mit Symbolcharakter. Tino Kolitscher und Sandra Germain sitzen in einem Tretboot und ziehen für das MZ-Foto ihre Kreise auf dem Gotthardteich in Merseburg. Beide haben Kurs auf London genommen. Ruderer Tino Kolitscher, 37, startet ab Ende August bei den Paralympics. Der blinde Hallenser gehört zum Deutschland-Vierer mit Steuerfrau und greift mit dem gemischten Team nach Gold. Fast immer an seiner Seite ist Sandra Germain. Die 32 Jahre alte Mitarbeiterin im Jugendamt des Saalekreises ist fünfmal in der Woche Trainingspartnerin und Ratgeberin in einer Person. Sie hilft Kolitscher, dass er sich auf dem sportlichen Terrain zurechtfindet.
Beide verbindet der Hunger nach Leistung. Germain war als Leistungssportlerin eine Weltklasse-Bobfahrerin. 2004 gewann sie an der Seite von Cathleen Martini die Europameisterschaft. 2004 und 2005 wurde sie Weltcupsiegerin. Für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen hatte es dennoch nicht gereicht. "Ich war zu leicht für den Bob und als Anschieberin zu langsam. Ich habe es akzeptiert", erzählt die Hallenserin. 2007 beendete sie ihre Karriere. Zwei Jahre später übernahm sie dann das Training von Tino Kolitscher. "Ich profitiere natürlich von ihrer Erfahrung. Auch menschlich verstehen wir uns gut", sagt er.
Eine Krankheit hat ihn das Augenlicht gekostet. Es war ein schleichender Prozess. Unaufhaltsam und unerbitterlich. Starke Kontraste und Lichtquellen nimmt er noch wahr, mehr nicht. Doch als Sportler - Kolitscher war Basketballer - hat er gelernt, zu kämpfen. "Ich möchte den Menschen zeigen, dass man auch mit einer Behinderung zu großen Leistungen fähig ist. Und ich will es mir selbst beweisen."
Das hat der Sachbearbeiter einer Krankenversicherung auf beeindruckende Weise getan. Zunächst probierte er es als Leichtathlet beim SV Halle. Doch die Jugend war eine starke Konkurrenz. "Und alle wollten sie zu den Paralympics. Da habe ich für mich keine Chance gesehen." Im Oktober 2010 sattelte er zum Rudern um - die richtige Entscheidung. Beim vorolympischen Weltcup Mitte Juni in München wurde der Vierer über die 1 000-Meter-Distanz hinter Top-Favorit Großbritannien Zweiter. Der Rückstand betrug nur eine halbe Sekunde.
Beim Landkreis ist man vom Engagement der Mitarbeiterin Sandra Germain äußert angetan. "Ich finde es großartig. Wir reden von Inklusion, also der Vielfalt, dann sollten wir auch danach handeln", meint die 1. Beigeordnete Gabriele Kleine (SPD). Der Saalekreis hat Sandra Germain für die nächsten Wochen teilweise freigestellt, damit sie sich mit Tino Kolitscher auf die Spiele vorbereiten kann. "Dafür bin ich wirklich sehr dankbar", sagt sie. Am Mittwoch reisten beide zur heißen Vorbereitung auf die Paralympics ins Trainingslager der Ruderer nach Ratzeburg. Am 23. August geht es über den Kanal auf die Insel. Acht Tage später muss der Hallenser mit seiner Crew im Vorlauf ran. Am 2. September folgt in London - hoffentlich - der Kampf um die Medaillen.
Es kribbelt längst nicht nur bei dem blinden Ruderer. "Das ist auch für mich ein absoluter Höhepunkt. Ich freue mich auf die Spiele und das ganze Drum und Dran. Vor allem jetzt, da Olympia läuft", erzählt Sandra Germain. Sie dürfe Kolitscher gegenüber nur nicht zu euphorisch sein. "Dann wird er noch nervöser."