Radsport: Auf Martin lastet der Fluch des Trikots

01.07.2012 21:29 Uhr | Aktualisiert 02.07.2012 12:35 Uhr
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Pechvogel

Tony Martin hatte am ersten Tour-Wochenende einen Defekt und stürzte zudem. (FOTO: DPA)

Von Stephan Klemm
Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin startet schlecht in die Tour de France: Beim Prolog wirft ihn ein Defekt zurück. Auf der ersten Etappe verletzt er sich.
Lüttich/MZ. 

Das linke Bein blutet aus einer offenen Wunde, das gilt auch für den linken Ellenbogen, am Arm sind zudem noch Hautquetschungen zu erkennen. Doch das sind nur die oberflächlichen Verletzungen, unter denen Tony Martin leidet. Schmerzhafter ist das, was nicht sichtbar, aber spürbar ist: Die linke Schulter bereitet große Probleme, die linke Hand auch. Welche Folgen Martins Unfall bei Kilometer elf der ersten Etappe der 99. Tour de France am Sonntag genau hatte, wurde am Abend in einem Lütticher Krankenhaus untersucht. Das Ergebnis stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht fest. Sein Team-Arzt Helge Riepenhof sagte: "Ich bin immer sehr optimistisch, aber das sieht nicht gut aus."

Martin schaffte es am Bus seines Quick-Step-Teams zunächst nicht, sich von seinem Klickpedal zu lösen. Diese eigentlich leichte Übung bereitete ihm große Qual. Eine Viertelstunde später verließ der Zeitfahr-Weltmeister das Gefährt mit stark bandagiertem Knie und Arm und sagte: "Ich hatte bei jedem Schlagloch, über das ich gefahren bin, Schmerzen. Das war auch so, wenn ich es mal im Wiegetritt versucht habe. Ich hoffe, dass es nur eine schwere Prellung ist und kein Bruch." Die Etappe von Lüttich mit dem schweren und steilen Finale in Seraing wollte Martin aber "unbedingt zu Ende fahren".

Es scheint sich zu bewahrheiten, was Rolf Aldag schon am Samstagabend sagte: "Es ist offenbar so, dass ein Fluch über Martins Weltmeister-Trikot liegt. Das passiert ja oft, dass in einem Jahr alles gelingt, im nächsten dann eher nichts." Aldag sprach damit Martins Pech an, das ihn auf dem Weg zur Bestzeit des Prologs von Lüttich ereilte: Defekt, platter Hinterreifen, eine Scherbe hatte sich in seinen Schlauch gebohrt, Platz 45 mit 23 Sekunden Rückstand. Mitte April musste Martin auch noch die schlimme Erfahrung eines Trainingsunfalls mit Brüchen im Kiefer und Jochbein machen. Davon hatte sich Martin sehr schnell erholt, die Form war pünktlich da, zuletzt konnte er zwei Zeitfahren gewinnen - doch nun entwickelt sich die Tour wieder zu einer Anhäufung von Negativ-Erlebnissen.

Tour de France 2012

Vom 30. Juni bis 22. Juli rollen die Radprofis wieder durch Frankreich. Fast 200 Fahrer wollen die 3497 km lange Strecke der 99. Tour de France bewältigen. Die Tour beginnt mit einem Prolog in Belgien und geht über 20 Etappen.



Der Sturz am Sonntag war eine Unaufmerksamkeit auf ebenem Gelände, mit Martin fielen drei weitere Fahrer auf den Asphalt. "Ein unglücklicher Auftakt. Das geht an die Moral", sagte Martins Teamchef Patrick Lefevere. Am Samstag hatte Martins Team nach der Auswertung aller Daten noch ermittelt, dass seine Leistung zum Tagessieg hätte reichen können: "Das glaube ich auch, obwohl es hypothetisch ist. Ich halte nichts in Händen, und das ist schlimm", sagte Martin.

Der Plan war ja: Prolog gewinnen und dann den großen Preis entgegennehmen - das Gelbe Trikot. Martins Zwischenzeit war exzellent: Platz drei zur Hälfte des 6,4 Kilometer kurzen Mini-Zeitfahrens, eine Sekunde hinter dem Schweizer Fabian Cancellara, dem späteren Sieger. "Tony Martin wurde im Vergleich zu Cancellara immer schneller und sein Tritt wuchtiger, das sagte uns der Live-Vergleich der Wattwerte", sagt Aldag.

Die Prolog-Platzierung klingt am Ende ernüchternder als es das Ergebnis in Wirklichkeit war: Rang 45. Aber trotz des zeitaufwendigen Malheurs verlor Martin nur 23 Sekunden auf Cancellara, den Sieger, der wiederum sieben Sekunden schneller war als der Zweite, der Engländer Bradley Wiggins. "Das ist unglaublich wenig für den ganzen Vorgang, das spricht für Tonys Leistung", findet Aldag.

Am Samstagabend hatte sich gleich nach dem Zwischenfall die Familie gemeldet, später gab es im Hotel eine kleine Party für den Teamkollegen Sylvain Chavanel, der 33 wurde - "das hat mich aufgebaut und abgelenkt". Am Sonntagmorgen wirkte Martin schon wieder entschlossen: "Der Frust baut sich langsam ab. Ich träume weiter vom Gelben Trikot." Und trotz seiner Verletzung fuhr Martin im Finale stark und erreichte das Ziel in der ersten Gruppe, zeitgleich mit dem Tagessieger Peter Sagan aus der Slowakei. Dennoch endete der Arbeitstag im Hospital.