Eigentlich ist das Kellerduell zum Auftakt von Sachsen-Anhalts Fußball-Landesklasse 5 nur ein lokal bedeutendes Ereignis. Doch wenn am ersten Spieltag der Aufsteiger SV Seegrehna Germania Roßlau zu Gast hat, dann wird ein wenig olympischer Hauch über das Stadion wehen. Denn das heißt seit 2008 "Gebrüder Grabsch Stadion" - nach den beiden Wittenberger Radprofis Bert und Ralf Grabsch.
Bert Grabsch, seit Jahren Mitglied beim SV Seegrehna, tritt am Mittwoch bei den Olympischen Spielen in London im Zeitfahren an. Der gebürtige Wittenberger ist seit Jahren Profi und lebt in der Schweiz. Doch er hält engen Kontakt nach Sachsen-Anhalt. "Das ist meine Heimat, da bin geboren und aufgewachsen", sagt Grabsch.
Der 37-Jährige trägt auch als Radprofi seine Heimatstadt im Herzen. "Immer im Mai trete ich bei den Wittenberger Radsporttagen an. Das ist jedes Mal ein besonderes Erlebnis", sagt Grabsch. Nicht nur, weil er dort regelmäßig gewinnt, sondern auch, weil er seine gesamte Familie, die am Straßenrand steht, endlich einmal wiedersehen kann. "Eltern, Schwiegereltern, Tante und Onkel, alle sind dann dabei und feuern mich an." Seinen Sieg in diesem Jahr hat er seiner Mutter Gudrun zum 60. Geburtstag gewidmet.
Für Grabsch ist es etwas Außergewöhnliches, seine Familie in Wittenberg zu besuchen. "Als ich Profi wurde, habe ich mich auch dazu entschieden, etwa 200 Tage im Jahr unterwegs zu sein", erzählt er. Bei einem solchen Programm bleibt ohnehin schon sehr wenig Zeit für seine Frau Susanne und seine beiden Töchter Amelie und Lea. "Natürlich ist diese Situation für die drei schwierig, aber meine Frau hat mich so kennengelernt und akzeptiert das." Selbst wenn er frei hat, bleibt selten viel Zeit zu Hause in der Schweiz. Schließlich muss noch der Familienurlaub untergebracht werden. "Häufig ist es so, dass ich nach Hause komme und nur kurz den Koffer wechsle", erzählt Grabsch.
Dabei war die Karriere als Radprofi nicht von klein auf vorgezeichnet. "Eigentlich war ich Fußballer, ein richtiger Torjäger", erinnert sich Grabsch. Aber er entschied sich gegen eine Fußball-Laufbahn. Dafür mitverantwortlich war auch sein zwei Jahre älterer Bruder Ralf. "Der ist damals schon Rad gefahren und war ein Vorbild für mich." Also versuchte es auch Bert Grabsch und das von Beginn an mit Erfolg. "Bei der kleinen Friedensfahrt in der Schule bin ich DDR-weit auf dem dritten Platz gelandet."
Mittlerweile ist Bert Grabsch seit 14 Jahren Profi. Sieben Mal hat er an der Tour de France teilgenommen und ist jedes Mal durchgekommen. "Es ist immer etwas ganz Besonderes, Paris zu sehen, gerade für mich als Zeitfahrer, der in den Bergen extrem leidet."
Sein schlimmstes Erlebnis bei Tour hatte dagegen keine rein sportlichen Gründe. 2006 siegte sein damaliger Kapitän beim Team Phonak, Floyd Landis, beim härtesten Rad-Rennen der Welt und wurde wenig später des Dopings überführt. "Ich hatte damals für drei Tage die Tour mitgewonnen - und dann das", sagt Grabsch. Besonders ärgert ihn, dass Landis sich nie bei ihm und dem Team entschuldigt hat.
Mittlerweile hat er diese Episode überwunden. Für das olympische Zeitfahren am Mittwoch rechnet sich Grabsch gute Chancen aus. "Ich bin immer für eine Überraschung gut", sagt er.
Seine zweiten Olympischen Spiele werden allerdings auch seine letzten sein. "Ich will noch zwei Jahre fahren und dann die Radschuhe an den Nagel hängen", sagt er. Wo er seine Karriere beenden wird, weiß er schon genau - natürlich in Wittenberg. "Ich werde da mein letztes Rennen machen." Am Straßenrand wird dann nicht nur seine ganze Familie stehen, sondern auch die 2011 gegründete Radsport-Abteilung seines SV Seegrehna. Auf deren Trikots wird sein Name zu sehen sein, Grabsch ist Sponsor.