Der Weltrekordler aus Halle war in 1:45,53 Minuten zwar so schnell wie noch nie in dieser Saison. Doch gegen den überragenden Yannick Agnel hatte der Deutsche keine Chance. Der Jungstar aus Frankreich war in 1:43,14 mehr als zwei Sekunden schneller als Biedermann. Dahinter teilten sich Sun Yang aus China und der Südkoreaner Park Tae-Hwan zeitgleich in 1:44,93 Minuten Silber. Noch vor Biedermann kam der US-amerikanische Superstar Ryan Lochte (1:45,04) ins Ziel.
Danach gab sich Biedermann bedeckt. "Ich bin ein bisschen unzufrieden mit der Zeit", sagte er noch am Beckenrand und antwortete auf die Frage nach seiner Taktik: "Es gab keine Taktik, ich musste einfach nur schnell schwimmen."
Die Enttäuschung über die verpasste Medaille war dennoch zu spüren. "Es war ein verdammt schnelles Rennen. Für den Moment muss ich das Ergebnis akzeptieren", sagt der 25-Jährige. Schließlich hatte er damit auch sein Ziel, besser abzuschneiden als bei seinem olympischen Debüt vor vier Jahren, verpasst. Auch in Peking hatte er als Fünfter angeschlagen. Um fast eine halbe Sekunde war schneller als 2008, aber auch das konnte ihn nicht trösten.
Dass er es überhaupt bis in dieses olympische Finale geschafft hat, verdankt er auch einem Zufall fernab in der Heimat. Nach der schwachen Leistung und dem Vorlauf-Aus über 400 Meter Freistil hatte Biedermanns Trainingsgefährte Toni Embacher beim Studium der TV-Bilder eine bemerkenswerte Feststellung gemacht. Der Sohn von Biedermanns Trainer Frank Embacher hatte gemeinsam mit Freunden aus dem halleschen Schwimmverein das Rennen auf einer Riesenleinwand angeschaut. Ihm schwirrten tausend Gedanken durch den Kopf. Was bitteschön hat Paul Biedermann da gerade gemacht - fragte er sich entsetzt? Jede Bewegung seines Trainingsgefährte im Wasser kennt er aus dem Effeff. "Dass die Bewegungen von Paul nicht rhythmisch waren, habe ich schnell gemerkt", erzählte der 24-Jährige am Montag der MZ. Die Frage war nur, warum. Und eine Antwort bekam er, als das Fernsehen Aufnahmen mit der Unterwasserkamera einspielte. "Da fiel mir auf, dass seine Fußstellung falsch war." Statt gestreckt standen Biedermanns Füße nahezu senkrecht im Wasser. Embacher: "Als ob er sie anzieht. Die müssen wie eine Bremse gewesen sein."
Am Sonntag beim Vorlauf über die 200 Meter, diesmal in der elterlichen Wohnung, sah der deutsche Schmetterlingsmeister noch einmal ganz genau hin - und fand seine Vermutung schließlich bestätigt. Als fachkundige Verstärkung hatte er seine Mutter auf der Couch neben sich sitzen. Die hatte 1980 Olympia-Silber gewonnen. Heute trainiert sie den Nachwuchs in Halle. "Meine Mutter hat mir recht gegeben", sagte Toni Embacher.
Genug Argumente also, um seinen Vater zu verständigen. Per SMS gingen die Beobachtungen nach London. Damit kam der Stein ins Rollen.
Biedermann ist erst skeptisch
Zwar hat der Weltrekordler in London erst einmal skeptisch reagiert. Doch ein Ertrinkender klammert sich bekanntlich auch an einen Strohhalm. "Da wir in London keine Unterwasseraufnahmen haben, ist mir Pauls Fehler nicht aufgefallen", erklärt Frank Embacher. Gemeinsam mit den Physiotherapeuten der deutschen Schwimmmannschaft wurde der Auslöser der kontraproduktiven Bewegung gesucht - und schließlich gefunden. Embacher: "Tatsächlich, es war eine Blockade im unterem Rücken." Und mit wenigen Handgriffen zu beseitigen.
Schon im Halbfinale am Sonntagabend lief es bekanntlich wesentlich besser. Über eine Sekunde hatte sich Biedermann gegenüber dem Vorlauf steigern können. In 1:46,10 Minuten war er so schnell wie noch nie in diesem Jahr.
Zugegeben, die Erklärung von Berg- und Talfahrt klingt irgendwie abenteuerlich. Doch egal, ob nun ein physisches oder doch psychisches Problem: Hauptsache, es hat funktioniert. Der Zweck heiligt die Mittel.
Am Dienstag die letzte Chance
Bereits Dienstag hat Biedermann eine neue Chance. Gemeinsam mit Robin Backhaus, Dimitri Colupaev und Clemens Rapp greift er mit der Staffel über 4 x 200 Meter an, um sich seinen Traum von der ersten olympischen Medaille doch noch zu erfüllen.