Paul Biedermanns Trainer Frank Embacher nahm kein Blatt vor den Mund. „Wir haben geschuftet wie die Berserker“, sagte Embacher, „aber das Ziel verfehlt.“ Das ließ sich nach drei Olympia-Tagen von der gesamten deutschen Schwimm-Mannschaft sagen. Die Rechnung von sechs Medaillen kann nicht mehr aufgehen, die Angst vor dem Generalversagen wächst. Nun ist mal wieder Biedermanns Freundin Britta Steffen gefragt. Wie vor vier Jahren in Peking soll die Doppel-Olympiasiegerin den Deutschen Schwimm-Verband (DSV) vor der Peinlichkeit bewahren, ohne Edelmetall zurückzukehren.
Embacher sucht derweil nach Ursachen für den geplatzten Medaillentraum von Biedermann. Von einer Blockade im Kopf wie im Rücken war die Rede. „Das Vorlaufaus über 400 Meter Freistil hat nicht gerade dazu beigetragen, dass er als Supermann in das 200-Meter-Finale gegangen ist“, sagte Embacher. Dort hatte sich Biedermann als Fünfter - wie 2008 in Peking - immerhin respektvoll aus der Affäre gezogen.
Dubiose Verletzung von Biedermann
Möglicherweise hat dem 25-Jährigen aus Halle/Saale in London auch eine dubiose Verletzung zu schaffen gemacht. Aufgefallen war dies allerdings nicht den DSV-Verantwortlichen, sondern Trainer-Sohn Toni Embacher daheim vor dem Fernseher. „Er hat mich angerufen und gefragt, was denn mit Pauls Beinschlag los sei. Daraufhin haben wir das überprüft und festgestellt, dass eine Blockade im Rücken die Ursache dafür war“, sagte der Coach.
Biedermann wollte sich zu der Verletzung nicht äußern und schon gar keine Entschuldigung suchen. „Wenn man nicht 100 Prozent fit ist, reicht es in so einem Rennen eben nur zu Platz fünf“, sagte der dreimalige WM-Dritte.
Fakt ist, dass die DSV-Athleten mal wieder hinterher schwimmen. „Wir haben Schwierigkeiten, im Gleichschritt mit den Top-Nationen mitzuhalten“, sagte DSV-Leistungssportdirektor Lutz Buschkow. Er verweist darauf, dass 20 Olympia-Neulinge dabei sind und 74 Prozent der Mannschaft ausmachen. Nur: Das ist bei anderen Nationen auch so. Aber mit durchschlagendem Erfolg. Wie die 16 Jahre alte Weltrekordlerin Ye Shiwen aus China, oder die ein Jahr jüngere Litauerin Ruta Meilutyte beweisen.
Litauen werden Deutschlands Schwimmer im Medaillenspiegel kaum noch einholen. Die letzte Hoffnung ruht wieder einmal auf Steffen. Nach dem Vorlaufaus zum Auftakt mit der Staffel springt die 28 Jahre alte Berlinerin am Mittwoch über 100 Meter Freistil ins Wasser. Am Freitag steht der 50-Meter-Sprint an. Dass Steffen die internen Team-Probleme ausblenden kann, hat sie in Peking bewiesen.
Zuletzt 1932 ohne Medaille
„Über 50 Meter ist alles möglich. Über 100 Meter wird es schwieriger“, äußerte sich Buschkow zu Steffens Erfolgsaussichten und fügte hinzu: „Wir sind der festen Überzeugung, dass Britta eine gute Top-Ten-Platzierung erreicht.“ Eine gute Top-Ten-Platzierung? Allmählich scheint sich die sportliche DSV-Führung auf den schlimmsten Fall einzustellen. Die Rückkehr ohne Medaille. Das hat es zuletzt 1932 in Los Angeles gegeben. Damals war in dem Hamburger Brustschwimmer Erwin Sietas aber auch nur ein Deutscher am Start.