Steffen Forker, SSB-Geschäftsführer. (ARCHIVFOTO: LÖFFLER)
Seinen Platzwart musste er ziehen lassen. Letzte Woche war das. Und Enrico Theibach ist darüber alles andere als glücklich. "Natürlich hat der Mann als so genannter Bürgerarbeiter Wichtiges auf unserem Gelände geleistet, aber als wir 100 Euro mehr Zuschuss an den Stadtsportbund überweisen sollten, mussten wir uns eingestehen: Das können wir uns nicht leisten", sagt der Vereins-Chef des VfL Seeben. Konsequenz: "Nun müssen unsere Mitglieder wieder selbst Rasen mähen und andere Arbeiten erledigen, damit unsere Sportanlage in Schuss bleibt."
Das Seebener Problem wird in den kommenden Tagen und Wochen flächendeckend. Von bislang 150 Menschen, die über die Bürgerarbeit in Halles Sportvereinen beschäftigt sind, die froh waren raus aus Hartz IV und drin in einem Job zu sein, werden 60 bald auf der Straße stehen. Es sind diejenigen, die sich noch in der halbjährlichen Probezeit befinden. Der Stadtsportbund (SSB) sieht sich gezwungen, ihre Verträge jetzt zu kündigen. Denn tut er es nicht, droht ihm die Insolvenz.
"Es ist eine richtig verfahrene Kiste", sagt SSB-Geschäftsführer Steffen Forker. Ihm tun die Schicksale "wirklich leid. Doch wir können nicht anders." Das Problem des SSB ist das so genannte Arbeitnehmer-Überlassungsgesetz, das am 1. Dezember 2011 in Kraft getreten ist. Das zwingt den Verband, bei dem die Menschen quasi angestellt sind, einen Mindestlohn zu zahlen. Statt derzeit 7,01 Euro pro Stunde sind ab dem 1. November 2012 7,50 Euro fällig. Schöne Idee. Nur: Das Geld, das nun mehr gezahlt werden muss, ist nicht da - und es gibt auch keinen Topf, aus dem der SSB Extra-Zuschüsse zu erwarten hätte. Alle dahingehenden Verhandlungen scheiterten.
"Die Sache mit der Bürgerarbeit war genau kalkuliert. Dann sind wir per Gesetz unvorhersehbar und zwangsweise verpflichtet worden, mehr zu zahlen. Doch wir wissen nicht, woher wir das Geld nehmen sollen", sagt Forker.
Die Hochrechnung bis 2014 ergibt: Der SSB macht 390 000 Euro Minus. 15 000 Euro fehlen in diesem Jahr, 225 000 Euro wären es 2013 und im Jahr darauf 150 000. "Dann müssten wir Insolvenz anmelden. Das gilt es unbedingt zu verhindern", so Forker. Durch Entlassungen in der Probezeit. Denn die Dreijahres-Verträge von Arbeitern, die zum Start vor einem Jahr eingestiegen sind, lassen sich nicht mehr aufheben - will man juristischen Ärger vermeiden. 1 168 Euro brutto sind derzeit pro Person und Monat veranschlagt. Der Großteil kommt vom Bundesverwaltungsamt, 70 Euro gibt die Stadt, jeder Verein zahlt 80 Euro. 900 Euro erhält jeder Bürgerarbeiter bislang pro Monat brutto. Die Differenz sind Verwaltungskosten, die beim SSB bleiben. Vier seiner Mitarbeiter kümmern sich um die Projekte und die Arbeiter in den Vereinen.
Alternativen? "Die Vereine zu Arbeitgebern zu machen, geht nicht mehr, weil wir als SSB die Anträge gestellt haben. Einem Trägerwechsel stimmt das Bundesverwaltungsgericht nicht zu", sagt Forker. Die klamme Stadt, die selbst etwa 500 Bürgerarbeiter über ihren Eigenbetrieb beschäftigt, sieht sich außerstande, höhere Zuschüsse zu zahlen. Den Vereinen geht es ebenso. Der VfL Seeben ist da repräsentativ. Selbst ein Großverein wie der USV Halle muss in dieser Woche einen über den SSB beschäftigten Helfer ziehen lassen. In anderen Kreisen besteht dieses Problem nicht. "Wir haben keine Verträge mit den Bürgerarbeitern gemacht, deshalb droht uns keine Insolvenz", sagt Helmut Hartmann, der Präsident des Kreissportbundes Anhalt-Bitterfeld. Und er ist "wirklich froh, dass in unserem Landkreis die Projekte über Bildungsgesellschaften laufen. Die Menschen sind dort angestellt. Aber es kann natürlich sein, dass es auch zu Kündigungen kommt", sagt Hartmann noch.
Beim Landessportbund wird der SSB Halle sowieso als Einzelfall gesehen. "Von flächendeckenden Problemen bei anderen Kreissportbünden ist mir nichts bekannt", sagt Andreas Silbersack, der LSB-Präsident. "Das macht die Sache in Halle nicht schöner. Aber es wäre fatal, wenn der SSB, der 34 000 Sportler vertritt, in Insolvenz gehen müsste. Das darf einfach nicht passieren." Gleichzeitig sieht der Jurist den Stadtsportbund in einer Zwickmühle, in die er schuldlos geraten ist: "Ich wüsste nicht, was ich für einen Vorwurf erheben sollte."
Seit mehr als 15 Jahren hat der SSB Halle Maßnahmen unter dem Überbegriff "Zweiter Arbeitsmarkt" betreut. Größtenteils zur Zufriedenheit der Menschen, die einen Job bekamen und der Vereine. "Jetzt sind wir Opfer und die Bürgerarbeiter Opfer einer Gesetzesänderung. Und wir müssen uns daran halten, um uns nicht strafbar zu machen. Sonst müssen wir eventuell alle Zuschüsse zurückzahlen", sagt Steffen Forker. Doch seine Not ist vergleichsweise gering zu der jener 60 Menschen, die jetzt aus allen Wolken fallen, deren Hoffnung zerstört wird, weil sie wieder ohne Job dastehen. Das Gesetz, das ihnen mehr Monatslohn garantieren sollte, schlägt ein wie ein schmerzhafter Boomerang.