Auf den Tennisplätzen des Landkreises kommt man ohne Stuhlschiedsrichter aus. (ARCHIVFOTO: KEHRER)
Am Sonntag starten die French Open 2012. Das zweite Grand-Slam-Turnier der Tennissaison wird wieder Zehntausende auf die Anlage in Paris und Millionen Zuschauer vor die Fernsehgeräte locken. Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer bei den Herren, Viktoria Azarenka, Maria Sharapova und die deutschen Tennissternchen Angelique Kerber, Sabine Lisicki und Julia Görges bei den Damen - sie, genau wie ihre Kolleginnen und Kollegen, werden im Fokus stehen, wenn es um Punkte und Siege geht.
Einer, der wichtiger Bestandteil dieser Spiele ist, wird hingegen nur selten im Mittelpunkt stehen. Der Stuhlschiedsrichter. Wenn ein Spieler oder eine Spielerin unzufrieden mit der Entscheidung eines Linienrichters ist, wird der Stuhlschiedsrichter die Stufen nach unten gehen und sich den Abdruck aus nächster Nähe ansehen.
Es ist ein gewohntes Bild auf den Tennisplätzen dieser Welt. Nicht aber bei den Amateuren. In Sachsen-Anhalt gibt es bis in die höchste Spielklasse - die Landesoberliga - keinen Stuhlschiedsrichter. "Organisatorisch ist das gar nicht möglich", sagt Oliver Brandt, "auf zwei Spieler käme ein Schiedsrichter, das kann kein Verein leisten." Damit spricht Brandt, der Mitglied der Sportkommission des Tennisverbandes Sachsen Anhalts (TVSA) ist, den Hauptgrund an. Zudem gäbe es kaum Freizeitsportler, die mehrere Stunden opfern würden, um Schiedsrichter eines Tennisspiels zu sein.
Die Regelung, ohne Stuhlschiedsrichter zu spielen, gibt es schon seit einigen Jahren. Und sie wird angenommen. Dieter Rödger, Präsident des 1. TC Köthen, findet es "vom Prinzip her in Ordnung." Im Normalfall sei es auf den Sandplätzen auch ersichtlich. Die Bälle hinterlassen Abdrücke. "Wenn etwas strittig ist, geht man hin und zeigt den Abdruck", erklärt Rödger. Sollten sich die Spieler dann dennoch nicht einigen können, ist der Vorgang einfach: Der Ballwechsel wird wiederholt. Mit diesem Prozedere hat auch Grit Meier gute Erfahrungen gemacht. Sie ist Sportwartin beim TC Wolfen. "Man hat sich mit den Jahren angepasst", sagt sie, "und außerdem ist es in den unteren Spielklassen nicht so dramatisch." Das findet auch Oliver Brandt vom TVSA. "Die Mehrzahl der Aktiven betrachtet Tennis als Ausgleich zum Alltag. Der Spaß steht im Vordergrund. Schon deshalb haben die meisten Spieler eine positive Grundeinstellung zu ihrem Sport und betrachten Streitigkeiten um Punkte als störend." Spieler, die nicht in der Lage seien, ohne Schiedsrichter zu spielen, würden über kurz oder lang aus der Szene verschwinden. Grit Meier findet zudem, dass die Regelung ein faires Verhalten fördere. "Beide Parteien sind für das Spiel verantwortlich. Das, was ich von mir erwarte, erwarte ich auch von meinem Gegner", sagt sie.
Für die Zukunft können sich Grit Meier, Dieter Rödger und Oliver Brandt keine Änderung der bestehenden Vorgehensweise vorstellen. Sie sehen schlichtweg keinen Anlass dazu. Eine Sache findet Grit Meier aber doch verbesserungswürdig. "Es wäre gut, wenn man dem Oberschiedsrichter wieder mehr Bedeutung beimessen würde", sagt sie. Dazu müsste der Verband diese Position wieder mehr fördern. Der Oberschiedsrichter steht zwar nicht die ganze Zeit neben dem Platz. Gibt es aber eine strittige Situation, in der sich die Spieler nicht einigen können, trifft er die Entscheidung. Normalerweise muss für jedes Spiel ein Oberschiedsrichter bestimmt werden. Da aber zu wenige eine Lizenz haben, wird das nicht selten übergangen.