Michael Stich traut Angelique Kerber den Olympiasieg zu. (FOTO: DPA)
Deutsches „Fräuleinwunder“ statt Top-Stars: Auf Roger Federer und Rafael Nadal müssen die Hamburger Tennis-Fans weiter verzichten, aber dafür kämpft Turnierdirektor Michael Stich darum, nach mehr als zehn Jahren wieder ein Damenfeld am Rothenbaum zu etablieren.
„Das war immer die Vision, dass wir in Hamburg wieder ein Damenturnier angliedern. Aber dafür müssen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen“, sagte Stich im Interview mit dem SID, „im nächsten Jahr steht das sicher noch nicht an, aber in der Zukunft steht das auf unserer Agenda. Visionen muss man haben.“ 2002 hatte sich die Belgierin Kim Clijsters als bisher letzte Frau in die Siegerliste in Hamburg eingetragen. Danach wurde das Turnier wegen finanzieller Probleme nach Philadelphia verkauft.
Mit den deutschen Weltklassespielerinnen wie Angelique Kerber, Andrea Petkovic und Sabine Lisicki erhofft sich Stich wieder mehr Zuschauerinteresse bei der Traditionsveranstaltung. Denn nachdem die ATP dem Herren-Turnier 2008 den Masters-Status entzogen und den attraktiven Termin im Mai vor den French Open weggenommen hat, bleiben nicht nur die Stars wie Federer, Nadal oder Novak Djokovic weg, sondern auch die Fans. Und daran wird sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern. „Diese Kategorie Spieler zu verpflichten, würde so viel Geld kosten, das könnten wir nie refinanzieren“, sagte Stich.
Den deutschen Spitzenspielern um Philipp Kohlschreiber und Florian Mayer traut der 43 Jahre alte Wimbledon-Sieger von 1991 die Rolle als Zuschauermagnete noch nicht zu. Ihnen fehle es schlicht an einem spannenden Image. „Im Prinzip weiß man über diese Spieler sehr wenig, man weiß nichts aus ihrem Privatleben. Man sieht sie als Tennisprofi, man sieht sie aber nicht als Menschen“, sagte Stich, „und das kreiert doch am Ende einen Fan, dass man sagen kann: Den finde ich toll, den finde ich sympathisch. Nur so entwickelt sich eine Beziehung.“
Allerdings gelte das auch für die Spieler der Kategorie Federer. Im Gegensatz zu den Männern traut Stich den Frauen bei den Olympischen Spielen in London (27. Juli bis 12. August) den ganz großen Wurf zu. Die Kielerin Kerber, die zuletzt in Wimbledon das Halbfinale erreichte, sieht er als Mitfavoritin auf Gold. „Ich glaube auch, dass Angelique Kerber in diesem Jahr schon in Wimbledon hätte gewinnen können, wenn sie ein bisschen mehr an sich geglaubt hätte. Die Unterschiede bei den Frauen sind in der Weltspitze nicht so groß“, sagte Stich, „und wenn sie Wimbledon gewinnen kann, kann sie auch bei Olympia gewinnen. Das ist ja kein anderes Turnier.
Nur, dass im Stadion die Olympischen Ringe hängen.“ Den deutschen Männern, die im Moment keinen Spieler unter den Top 20 haben, fehle dagegen für die absolute Weltklasse die Konstanz. Die nötige Leistung „jede Woche zu wiederholen, um dann irgendwann Top 15 oder Top 10 zu sein - das zeichnet einen Weltklassespieler aus“, sagte Stich, „für dieses Ziel arbeiten sie hart, das versuchen sie. Aber die Konstanz ist der entscheidende Faktor.“