Ein ungewohnter Blick auf Matthias Fahrigs Übung bei der EM. Der Hallenser fliegt über den Sprungtisch. (FOTO: DPA)
Man mag es ja kaum glauben: Matthias Fahrig sucht die Ruhe und Abgeschiedenheit. Der Turner ist als Temperamentsbolzen und Stimmungskanone bekannt. Doch am Donnerstagabend wollte er mal keine Freunde sehen. Stattdessen gönnte er erst seinem Körper in der Physiotherapie etwas Gutes. Dann stand Kino auf dem Programm, ganz allein, und auch kein spezieller Wunschfilm. Sich einfach überraschen lassen. "Wenn ein Wettkampf nicht so gelaufen ist, wie man will, dann muss man versuchen, den Kopf frei zu kriegen", sagt der 26-Jährige.
EM verlief enttäuschend
Die Europameisterschaften letzte Woche in Montpellier waren für ihn solche Wettkämpfe. Nach fast zweijähriger Zwangspause wegen diverser Verletzungen und seiner Grundausbildung bei der Bundeswehr durfte sich der Sportsoldat endlich wieder einmal bei einer großen internationalen Meisterschaft vorstellen - und musste sich am Ende mit einem mageren fünften Platz am Sprung begnügen. Für einen, der bei der EM 2010 als Champion am Boden und Zweiter am Sprung seine Sternstunden erlebt hatte, eindeutig zu wenig.
Woran es gelegen hat, darüber zermartert sich der Hallenser seitdem das Hirn. "Irgendwie hatten alle in unserer Mannschaft keinen guten Tag. Dabei haben wir sehr ordentlich trainiert, daran kann es also nicht gelegen haben", sagt Fahrig ratlos.
Die technischen Details, die Fehler in seinen Übungen hat er mit Heimtrainer Uwe Ronneburg gleich am Dienstagmorgen ausgewertet. Ganz sachlich. Fazit: Es fehlt noch an Sicherheit und Stabilität. Und um beides in die Übungen zu bekommen, gibt es nur einen Weg, und der heißt "trainieren, trainieren, trainieren", sagt Fahrig.
Bei der EM hatte er am Boden gleich die schwierige Anfangsreihe nicht stehen können. Das darf ihm bei der Olympia-Qualifikation nicht passieren. Denn diese Übung, die sauber geturnt unglaublich viele Punkte bringt, könnte seine Eintrittskarte in das London-Team werden. "Ich muss sie einfach ohne Fehler zeigen."
Mehrkampfqualitäten sind gefragt
Auch seine beiden Sprünge, die er schon bei der Erfolgs-EM 2010 in seinem Programm hatte, werden in Bezug auf den Schwierigkeitsgrad keine Aufwertung mehr erfahren. "Hier ist Perfektion gefragt. Es sind noch ein paar Kleinigkeiten, die ich verbessern kann", sagt Fahrig. Doch statt auf Risiko will er in London auf die Hoffnung setzen, dass andere ihre schwierigeren Sprüngen möglicherweise nicht sauber hinbekommen. Er will lieber mit Sicherheit punkten.
Dafür muss er sich aber erst einmal qualifizieren. Sich nur auf seine starken Geräte verlassen kann der sprunggewaltige Athlet bei dem zweigeteilten Olympia-Ausscheid aber nicht. Denn bei beiden Wettkämpfen sind Mehrkampf-Qualitäten gefragt: sowohl bei den deutschen Meisterschaften am 16. und 17. Juni in Düsseldorf als auch bei einem letzten Test 14 Tage später in Frankfurt.
Ab nächste Woche wieder Vollgas
Eine Trainingspause kann und will sich Fahrig deshalb nicht leisten. Nur wenige Stunden nach seiner Rückkehr Montagnacht aus Montpellier über Frankfurt mit Flugzeug und Bahn war er schon wieder in der Trainingshalle. Am Dienstag und auch bei den beiden Einheiten am Mittwoch stehen sogenannte Grundlagen auf dem Programm, "also einzelne Elemente wie Handstände, Kreisflanken oder Riesenfelgen". Ab Donnerstag wird ein Gang zugelegt, dann gibt es halbe Übungen mit "Elementen in Verbindung". Und ab nächste Woche wird richtig Gas gegeben.
Einen Bonus aufgrund alter Erfolge wird es für Matthias Fahrig bei der Qualifikation nicht geben, das weiß er und hofft vielsagend, dass da gleiches Recht für alle gilt. Doch diese Hoffnung ist womöglich trügerisch. Denn bei Konkurrenten wie Ex-Weltmeister Fabian Hambüchen wird durchaus mal eher ein Auge zugedrückt. Das hat die Vergangenheit gelehrt.