Am Sprung, hier während der EM im Mai in Montpellier, gehört Matthias Fahrig zu den Besten der Welt. (FOTO: DPA)
Die große Turnhalle wirkt wie ausgestorben. Nur in einer hinteren Schaumgummigrube üben zwei Jungs mit ihrem Trainer den Abgang am Reck, ansonsten gehört der Gerätepark Matthias Fahrig und seinem Heimcoach Uwe Ronneburg.
Stille, die Halles olympische Turnhoffnung eigentlich nicht mag. Aber sie hilft bei der Konzentration. Diesmal am Sprungtisch. Anlauf, ein Wirrwarr an Drehungen, so schnell, dass der Laie sie mit dem bloßen Auge nicht verfolgen kann, Landung auf einem riesigen Polster. Ronneburg nickt kaum merklich. "Ein bisschen zu weit oben auf dem Tisch", korrigiert ihn der Trainer mit leiser Stimme. Nächster Versuch.
Fahrig zählt nicht, wie viele es insgesamt sind. Davor hat er sich schon am Barren versucht. "Am Nachmittag ist Boden dran", sagt er und verhüllt seinen muskulösen Oberkörper mit einem Shirt. Vor der nächsten Trainingseinheit will er sich etwas zu Essen besorgen. "Ein paar McNuggets wären nicht schlecht", sagt der 26-Jährige und grinst. Er weiß, der Trainer hört das nicht gern. Doch Fahrig liebt Fast Food. "In Maßen kann das nicht schaden." Und für den Kopf, seinen Kopf, ist das wichtig.
Am Samstag wird dieses Körperteil mit darüber entscheiden, ob er zu Olympia darf. Dann ist in Frankfurt der zweite Teil der nationalen Olympia-Qualifikation. "Das ist vor allem eine Kopfsache", bestätigt Ronneburg. "Natürlich braucht Matthias die nötige Spannung. Und doch braucht er auch eine gewisse Lockerheit, um in spielerischer Form eine Top-Leistung abzurufen." Leicht müssen sie aussehen, diese schwierigen Übungen.
Körperlich, das haben die täglichen Blutuntersuchungen gezeigt, ist Fahrig gut drauf. Der Wert, der den Erschöpfungszustand anzeigt, ist nach hohen Belastungen im grünen Bereich. Das Wissen darum beruhigt. Und Fahrig weiß auch, dass man ihn braucht. An seinen starken Geräten kann er für die DTB-Riege viele Punkte einbringen. Ein Plus, das schwerer wiegen sollte als das Minus, dass er kein kompletter Mehrkämpfer ist.
Das Nominierungsverfahren ist kompliziert. Zwölf Athleten bewerben sich um die fünf Startplätze. Sie alle müssen einen Mehrkampf zeigen. Und doch zählt nicht allein die Gesamtpunktzahl. Auch die Schwierigkeitsgrade der Einzel-Übungen fließen mit ein. Das ist dem Wettkampfmodus in London geschuldet. Im Mannschaftskampf müssen von den fünf Athleten jedes Teams vier pro Gerät ran, der schlechteste wird jeweils gestrichen, drei kommen in die Wertung. Im Finale dann fällt auch der Streichwert weg: Drei turnen pro Gerät, nehmen die Zähler mit. Zuverlässigkeit ist also gefragt.
Deshalb muss Bundestrainer Andreas Hirsch aus Einzelkönnern ein Team zusammenstellen, das an allen Geräten die optimalen Ergebnisse herausholt. Mannschaftsdienlich heißt das Zauberwort. Doch es wird sogar noch komplexer.
Da zwei aus jeder Mannschaft in die Mehrkampf-Einzelwertung eingehen, sind die guten Allrounder überall dabei. Mit Fabian Hambüchen, Marcel Nguyen und Philipp Boy kann Deutschland sogar drei Top-Mehrkämpfer ins olympische Mannschaftsrennen schicken, so dass Hirsch nur noch zwei Ergänzungsturner pro Gerät braucht. Die müssen allerdings auch, falls sich jemand verletzt, an den anderen Geräten in die Bresche springen. Und das ist zweifellos Fahrigs Handicap. Dennoch ist er überzeugt: Wenn er an seinen starken Geräten glänze und an den anderen sauber durchkomme, ist er dabei.
Boden: Fahrigs Übung hat einen Schwierigkeitsgrad, mit dem er mit den Besten in der Welt mithalten kann. Vor allem seine Anfangsreihe hat es in sich. Kommt sie sauber, hat er in London Finalchancen. Viele gute Bodenturner hat Deutschland nicht, Fahrig wird hier also gebraucht.
Sprung: Sein zweites Paradegerät, hier hat Fahrig seine nationale Ausnahmestellung mit dem Sieg bei der deutschen Meisterschaft nachgewiesen. Bei der EM im Mai reichte es für den EM-Zweiten von 2010 zu Platz fünf.
Barren: Auch diese Übung ist neu und international konkurrenzfähig. Hinter den Ausnahmekönnern Nguyen, Hambüchen und Boy könnte er den Rest der nationalen Konkurrenz auf Distanz halten.
Reck: Bei seinen ersten Olympischen Spielen 2004 kam er hier zum Einsatz. Und er war in dem Jahr deutscher Meister. Doch die Entwicklung läuft gegen ihn. Denn der Trend geht zu vielen Flug-Elementen. "Wenn ich zu viel mache, komme ich durcheinander", sagt Fahrig. Auch hier sind die besten Deutschen Hambüchen, Boy und Nguyen, also keine unmittelbare Konkurrenz.
Ringe: Hier ist Armkraft gefragt: Fahrig, der von seiner ungeheuren Sprungkraft profitiert, tut sich schwer. "Die Wahrscheinlichkeit, international zum Einsatz zu kommen, ist hier am geringsten", meint Ronneburg.
Pauschenpferd:
"Ich bin da besser geworden", glaubt Fahrig. Kommt die Übung fehlerfrei, kann er mithalten. Bei der ersten Olympia-Qualifikation stieg er allerdings ab.