Turnen: Wie geht es für Fahrig weiter?

01.07.2012 21:37 Uhr | Aktualisiert 01.07.2012 21:42 Uhr
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Turner Matthias Fahrig

Turner Matthias Fahrig beim Sprung. (FOTO: DPA)

Von Petra Szag
Matthias Fahrig patzte bei der Olympia-Qualifikation. Der 26 Jahre alte Hallenser weiß nicht, wie es nach dem verpassten London-Ticket weitergeht.
Halle (Saale)/MZ. 

Nach Jubel, Trubel, Heiterkeit war Matthias Fahrig am Sonntag am frühen Nachmittag überhaupt nicht zumute. Während seine Auswahlkollegen der Turn-Nationalmannschaft im Frankfurter Hotel Lindner bei der Benennung und Verabschiedung der Olympiastarter durch den Deutschen Turner-Bund noch mit ein paar Showelementen glänzten, räumte der Hallenser sein Zimmer leer. "Darauf habe ich keinen Bock", sagte Fahrig. Seiner Stimme war die Enttäuschung anzumerken. Er wollte nicht dabei sein in jener Gruppe, die in der Öffentlichkeit gern als smarte "Boy-Group" gefeiert wird. Und er war auch nicht mehr dabei.

Der Hallenser, der Europameister von 2010, hat es nicht zu den Sommerspielen geschafft, er gehört nicht zu den fünf Auserwählten, die in gut vier Wochen in London um Medaillen kämpfen werden. Die Verbandsspitze wird am Montag dem Deutschen Olympischen Sportbund neben den drei Mehrkämpfern Fabian Hambüchen, Philipp Boy und Marcel Nguyen noch Sebastian Krimmer und Andreas Toba für die Olympia-Nominierung vorschlagen. Reservist ist Thomas Taranu. Das ist in einer Teambesprechung kurz vor dem ganzen Brimborium bekannt gegeben worden.

Die Nachricht hatte Fahrig freilich nicht unvorbereitet getroffen. Befürchtet hatte er das Olympia-Aus schon nach dem misslungenen Nominierungswettkampf tags zuvor. Und auch sein Trainer akzeptiert die Entscheidung der Verbandsspitze ohne Wenn und Aber. "Das geht so in Ordnung", sagte Uwe Ronneburg nüchtern. Alles ging mit rechten Dingen zu. Keine Schiebung oder gar Klüngelei. Die Besten fahren zu Olympia. Fahrig gehört nicht dazu.

Der Hallenser weiß das. "Ich hatte die Möglichkeit...", sagte er am Sonntag. Dann brach er mitten im Satz ab. Ein fehlerfreier Mehrkampf mit starken Vorstellungen an seinen Paradegeräten Boden und Sprung hätte tatsächlich gereicht. Doch den hat er nicht zeigen können. Wieder einmal. "Ein beschissener Wettkampf war das", sagte er dann auch. Und weit weg war in diesem Moment der ansonsten immer gute Laune versprühenden Charmebolzen. So richtig reden wollte oder besser konnte er nicht.

Uwe Ronneburg konnte es, obwohl auch er schwer daran zu tragen hat. Denn auch der Trainer hat fest daran geglaubt, dass Fahrig die Aufgabe löst. Den schwersten Brocken auf dem steinigen Weg nach London hatte sein Schützling sogar aus dem Weg räumen können. "Matthias ist richtig gut in den Wettkampf gekommen, hat am Barren eine starke Leistung gezeigt und danach auch am Reck. Vor allem aber hat er am Boden seine extrem schwierige Anfangsreihe gemeistert. Da habe ich gedacht, das war's, jetzt kann nichts mehr passieren", kommentierte der Trainer. Doch als die Klippe überwunden war, passierte Fahrig der eine verhängnisvolle Fehler: Beim Doppel-Twist, einem Rückwärtssprung mit halber Drehung und anschließendem Doppelsalto in gebückter Haltung, verlor er die Balance. Ein Element, das er im Schlaf beherrscht. "Ich kann's nicht erklären", sagte Fahrig. Er zuckte ratlos mit den Schultern. Ronneburg versuchte sich an einer Erklärung. "Der Sprung war nicht sauber ausgesteuert", sagte er, deshalb sei Fahrig mit den Füßen nach vorn gekippt und musste mit den Händen auffassen.

Nach der verkorksten Bodenübung war auch an den restlichen Geräten der Wurm drin. Ronneburg: "Die Bodenübung war der Knackpunkt." Nur an den Ringen lief es normal, auch am Pauschenpferd patzte Fahrig. Am Sprung, seinem zweiten Paradegerät, sprang zwar nicht das Optimum, aber zumindest eine hohe Wertung heraus. Zu wenig, um für Olympia berücksichtigt zu werden. Die Bodenübung wäre seine Eintrittskarte in das Olympia-Team gewesen. Da hätte das deutsche Team in London unheimlich von ihm profitieren können.

Und wie geht es nun weiter? Wieder ist Fahrig ratlos. "Ich weiß nicht, was meine Nichtnominierung für Konsequenzen hat", sagt der Sportsoldat. Seine Stelle in der Sportfördergruppe der Bundeswehr ist ihm sicher, zumindest bis Februar 2013. Doch Fahrig weiß auch, dass noch einmal vier Jahre für einen wie ihn mit 26 Jahren ziemlich lang werden können. Erst einmal muss er wegstecken, das Ziel, auf das er vier Jahre lang hingearbeitet hat, verpasst zu haben. So wie schon bei den letzten Spielen ist der Olympia-Achte von 2004 nur TV-Zuschauer. Dass er die unmittelbare Wettkampfvorbereitung ab Mittwoch in Kienbaum mitbestreiten soll, muss ihm wie die Höchststrafe vorkommen.