Union Halle-Neustadt: Die Tänzerin im Handball-Tor

03.08.2012 22:29 Uhr | Aktualisiert 03.08.2012 23:10 Uhr
Anna Baranowska an ihrem Arbeitsplatz. (FOTO: ECKEHARD SCHULZ) 
Von Jan-Ole Prasse
Torhüter sind immer ein wenig verrückt. Im Handball aber muss das "wenig" gestrichen werden. Anna Baranowska, die neue Schlussfrau bei Union Halle-Neustadt, gehört zu dieser besonderen Sportler-Spezies.
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Halle (Saale)/MZ. 

Torhüter sind immer ein wenig verrückt. Im Handball aber muss das "wenig" gestrichen werden. Denn wer stellt sich schon freiwillig in ein Tor, auf das aus sieben oder acht Metern mit bis zu 90 Kilometern pro Stunde geworfen wird? Und macht sich dann noch extra breit, um auch ja den Ball abzubekommen? Anna Baranowska, die neue Schlussfrau bei Union Halle-Neustadt, gehört zu dieser besonderen Sportler-Spezies. "Niemand Normales stellt sich zwischen die Pfosten, denn man bekommt des öfteren den Ball in den Bauch oder an den Kopf", sagt die polnische Nationaltorhüterin.

Klingt nach einem harten Sport für harte Frauen. Bei Anna Baranowska täuscht dieser Eindruck. "Mein Lieblingsfilm ist Dirty Dancing", erzählt sie. "Auf dem Sportgymnasium haben wir den zeitweise dreimal am Tag gesehen." Der Streifen ist nun eher etwas für romantische Gemüter. "Ich liebe Jennifer Gray in diesem Film. Als junges Mädchen wollte ich wie sie sein", sagt die Torhüterin. Die zarte Gray, die die Rolle der "Baby" spielt, will als Idol so gar nicht zu einer Frau passen, die sich mit Leidenschaft harten Bällen entgegenwirft.

Dieser Gegensatz gehört wohl zu der Verrücktheit, die Torhüterinnen brauchen. Anna Baranowska liebt nicht nur Tanzfilme, sie tanzt auch selber gerne. Zum Beispiel bei Zumba-Kursen. "Aber vielleicht sehe ich dabei nicht so gut aus wie die anderen."

Bei Union werden sie es ihr verzeihen, solange Baranowska ihren Job gut macht. Der heißt neben Bälle abwehren auch schnelle Konter einleiten. "Wir brauchen eine Torhüterin, die die Gegenangriffe mit einem Pass einleiten kann. Diese einfachen Tore haben uns in der letzten Saison gefehlt", sagt Frank Kastner, der Teammanager der Wildcats.

Baranowska hat in Polen schon bewiesen, dass sie diesen Anforderungen gerecht werden kann. Sie hat in den vergangenen beiden Saisons für das polnische Top-Team SPR Lublin gespielt, wurde 2010 mit der Mannschaft Meister und Pokalsieger. Zudem ist sie die unumstrittene Nummer eins in Polens Nationalauswahl.

Die sportliche Karriere ist ihr quasi in die Wiege gelegt. Ihre Mutter Natalia war russische Speerwerferin und hätte es, wenn nicht eine schwere Verletzung dazwischengekommen wäre, zu den Olympischen Spielen geschafft. "Sie ist mein Vorbild und der wichtigste Mensch in meinem Leben", sagt Baranowska.

Bei so einem sportlichen Lebenslauf kommt natürlich die Frage auf, warum sie in die zweite Liga gewechselt ist. Darauf hat die Polin eine klare Antwort: "In Deutschland wird ein anderer Handball gespielt, an den ich mich erstmal gewöhnen muss. Dafür ist die zweite Liga am besten geeignet." Halle hat für Baranowska aber auch noch andere Vorteile: Sie braucht jetzt nur noch vier Stunden mit dem Auto, um ihre Familie in Jelenia Gora und ihren Verlobten Michal Wysokinski, der bei Chobry Glogow in der ersten polnischen Liga spielt, zu besuchen. Von Lublin dauerte die Fahrt noch doppelt so lange.

Nützlicher Nebeneffekt ihres Engagements in Halle ist, dass sie sich auch beruflich weiterentwickeln kann. Baranowska hat germanische Philologie sowie Tourismusmanagement studiert und als Dolmetscherin gearbeitet. "Hier kann ich auch mein Deutsch weiter perfektionieren", sagt Baranowska.

Trotz aller Vorzüge von Halle: Langfristig will Anna Baranowska in der ersten Liga in Deutschland spielen. "Es war schon immer mein Traum, einmal in einer der stärksten Ligen der Welt aufzulaufen", sagt sie.

Sollte das in Erfüllung gehen, dann müssen die Wildcats vielleicht nicht für immer auf eine Baranowska zwischen den Pfosten verzichten. Ihre jüngere Schwester Alexandra ist ebenfalls Handball-Torhüterin. Und wie schwesterliche Nachfolge geht, hat sie zur kommenden Saison schon vorgemacht. Erstligist Lublin hat sie als neue Torfrau verpflichtet.