Philipp Kohlschreiber ist nach seinem Sieg über Lukas Rosol mit sich zufrieden. (FOTO: DPA)
Deutschland ist die Tennis-Nation im All England Club von Wimbledon. Was sich wie eine Schlagzeile aus den 90er Jahren liest und an legendäre Triumphe von Boris Becker und Steffi Graf erinnert, ist in diesem Jahr nicht mehr als eine Bestandsaufnahme zu Beginn der zweiten Woche beim wichtigsten Tennisturnier der Welt. Aus keinem anderen Land schlagen vier Spieler in der Runde der letzten 16 auf dem heiligen Rasen im Londoner Südwesten auf, das war zuletzt 1995 der Fall (Becker, Mronz, Graf, Huber). Und für Sabine Lisicki, Angelique Kerber, Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber muss das Achtelfinale noch lange nicht die Endstation sein sein.
Die härteste Aufgabe im Quartett der deutschen Tennisprofis hat ausgerechnet die Spielerin erwischt, die bislang die besten Erfahrungen in Wimbledon gesammelt hat. Lisicki trifft in der Neuauflage des Vorjahres-Halbfinals auf die Nummer eins der Welt und unumstrittene Top-Favoritin Maria Scharapowa (Russland). Angst hat die 22-jährige Berlinerin vor großen Matches noch nie gehabt, und so sagt die Weltranglisten-15. vor dem vierten Aufeinandertreffen mit Scharapowa: „Dieses Turnier bringt immer das Beste aus mir heraus. Es ist einfach unheimlich motivierend, hier muss man einfach gut spielen.“ Bei den Australian Open im Januar hatte sie erstmals einen Satz gegen die russische Tennis-Queen gewonnen. Seitdem weiß Lisicki, dass sie eine Chance hat, besonders bei ihrem ganz persönlichen Lieblingsturnier.
Zumindest auf dem Papier ist Angelique Kerber die Favoritin auf den Einzug ins Viertelfinale. Die Weltranglistenachte aus Kiel trifft auf Kim Clijsters - einen weiteren Superstar der WTA-Tour. Die 29-jährige Belgierin befindet sich auf ihrer Abschiedstour und spielt zum letzten Mal in Wimbledon. Clijsters lässt ihre große Karriere locker auslaufen, wirkt nicht völlig austrainiert und überhaupt nicht verbissen. Doch genau das ist es, was die viermalige Grand-Slam-Siegerin so gefährlich macht. Die fünf Jahre jüngere Kerber muss ihren Respekt vor einer Spielerin ablegen, die sie selbst als ihr großes Idol bezeichnet. „Zu ihr habe ich immer aufgeschaut. Ich habe immer ihr Kämpferherz bewundert“, sagt Kerber: „Ich werde das Spiel genießen.“ Die Komplimente gab Clijsters postwendend zurück: „Sie ist fit und physisch stark, außerdem ist es immer schwer, gegen eine Linkshänderin zu spielen.“
Komplimente hatte auch Florian Mayer bei seinem ersten Einzug ins Viertelfinale von Wimbledon erhalten. Acht Jahre ist das her. Die renommierte Times adelte ihn damals als „Mann der Zukunft“. Boris Becker und Michael Stich sahen einen aufsteigenden Star, „der Großes erreichen kann“ und „dem die Tenniswelt offen steht“. 24 Grand Slams später trifft Mayer im erst zweiten Achtelfinale bei einem der vier Majors in seiner Karriere auf Richard Gasquet (Frankreich/Nr. 18).
Philipp Kohlschreiber steht erstmals in der zweiten Woche von Wimbledon und trifft auf den Qualifikanten Brian Baker (USA). Bei 32 Grand Slams war ihm der Einzug unter die besten 16 überhaupt erst dreimal vergönnt gewesen. Mayer und Kohlschreiber sind die Spitze der zweiten Generation der „Nach-Becker-Ära“, die Erwartungen konnten die Erben des dreimaligen Wimbledonsiegers nie erfüllen. „Wir waren schon gut“, sagt Mayer: „aber nicht bei den Turnieren, wo es wirklich wichtig war.“ In Halle, München, Bukarest und Düsseldorf feierten sie Siege. Beide schlugen sie Rafael Nadal, doch im Scheinwerferlicht eines Majors versagten zuverlässig ihre Nerven. „Das war bei uns Deutschen immer das Problem: Die anderen haben oft für eine Überraschung gesorgt - wir nicht“, sagt Mayer.
Bei den French Open in Paris waren sie zuletzt an zweitklassigen Argentiniern gescheitert, der Abgesang wurde vielerorts bereits angestimmt, immerhin gehören beide mit 28 Jahren zu den erfahrenen Spielern auf der Tour. Auf dem heiligen Rasen im All England Club haben Mayer und Kohlschreiber am Montag nun die große Chance, ihrer Karriere im fortgeschrittenen Alter einen entscheidenden Schub zu verpassen. Beide stehen vor lösbaren Aufgaben. „Wenn du im Achtelfinale stehst und nicht Federer, Nadal oder Murray, also die 'Big Guys', vor Augen hast, dann ist die Möglichkeit, das Viertelfinale zu erreichen, natürlich da“, sagt Kohlschreiber: „Und das wäre unmenschlich geil.“