Hürden auf dem Weg nach London: Rico Freimuth (links) und Norman Müller sind Konkurrenten im Kampf um ein Olympia-Ticket. (FOTO: ANDREAS LÖFFLER)
Der eine ist pure Energie und kaum zu bremsen, der andere wirkt konzentriert, in sich gekehrt. Wer Rico Freimuth und Norman Müller beim Training eine Weile beobachtet, dem fallen die Gegensätze zwangsläufig auf. Der 24-jährige Freimuth springt zwischen den Kraftübungen an der Hantel im Raum herum, aus ihm sprudeln die Sätze nur so heraus. Müller, zwei Jahre älter, hält mit seinen Kräften haus, redet weniger, dafür bedächtiger.
So verschieden die beiden halleschen Zehnkämpfer vom Typ her sind, so sehr eint sie doch ein Ziel: London - natürlich. Und die entscheidende Qualifikation für die Sommerspiele steht schon am Pfingst-Wochenende an. Beim traditionellen Meeting in Götzis, südlich des Bodensees direkt an der österreichisch-schweizerischen Grenze gelegen, bietet sich die beste Gelegenheit, die Mindest-Norm von 8 200 Punkten zu schaffen.
Bumms in den Beinen
Das wirkliche Ziel ist höher. "Wer mehr als 8 300 Punkte schafft und dabei die ersten beiden Plätze unter den deutschen Startern erreicht, wird bereits für London vornominiert", sagt Trainer Wolfgang Kühne. So viele Zähler haben seine Schützlinge bislang noch nie gesammelt. Drei Plätze sind insgesamt zu vergeben. Neben den Hallensern bewerben sich auch Pascal Behrenbruch, Michael Schrader und Jan Felix Knobel. Auch sie starten in Götzis. Drei Wochen später in Ratingen gibt es zwar eine erneute Chance zur Qualifikation, "doch die Zeit ist wirklich knapp. Den Akku bis dahin wieder aufzuladen, wird schwer", meint Kühne.
Also gilt es jetzt. Und Freimuth geht die Sache offensiv an. "Ich sehe mich aktuell als der beste deutsche Zehnkämpfer. Das will ich beweisen." Sein "Bumms in den Beinen" ist sein größtes Pfund. Und auch Kühne sagt: "Rico ist der absolut schnellste aller deutschen Kandidaten." Schwäche? Vielleicht der Hochsprung. Da springt er seit dem Winter jetzt mit dem rechten Fuß ab, weil am linken die Bänder nicht mehr mitspielten. "Die Umstellung habe ich gemeistert", glaubt Freimuth. Über 1,90 Meter ist er vor kurzem geflogen. "Damit wäre ich in Götzis vollauf zufrieden", sagt Kühne, wohl wissend, dass einige Spezialisten im Feld gut 25 Zentimeter mehr schaffen.
Und was ist insgesamt drin? "Natürlich möchte ich die Olympia-Norm", erklärt Freimuth. "Aber wie viele Punkte herausspringen, kann ich nicht sagen."
Müller hat den Lungenturbo
Norman Müller erst recht nicht. Götzis wird für ihn das Comeback nach genau einem Jahr Wettkampf-Pause und einem dramatischen Vorfall. Im Juni 2011 war ihm die Lunge eingefallen, zum zweiten Mal. Euro-Stück große Narben an der rechten Brust zeugen von den Operationen danach. "Ich spüre nichts mehr", sagt Müller, "auch nicht beim 1 500-Meter-Lauf. Meine Ausdauerwerte sind sogar besser als vorher." Trainer Kühne scherzt: "Ihm wurde ein Lungenturbo eingebaut." Müller grinst. Die Ungewissheit über die eigene Stärke kann er nicht überspielen. Trotzdem wird er angreifen.
"Die ganze Sache wird eine mentale Schlacht", sagt Wolfgang Kühne und meint diesen Satz als allgemeingültig für alle deutschen Olympiabewerber. Und dann skizziert er, worauf es für seine Männer ankommt: "Rico lebt von seinen Emotionen. Doch er muss aufpassen, dass er nicht überdreht." Wie bei der WM 2011, wo mit drei ungültigen Weitsprüngen aus dem Wettkampf geflogen war und sich auch noch verletzt hatte.
"Norman hat allen anderen unheimlich viel Erfahrung voraus. Das ist sein Pfund. Wenn er schnell Sicherheit im Wettkampf gewinnt, ist mit ihm zu rechnen. Denn seine Form ist wirklich gut", sagt Kühne.