Leicht fliegt Rico Freimuth über 4,45 Meter. (FOTO: THORSTEN RICHTER)
Überhaupt mangelte es ihm, wie auch den amerikanischen Stars Ashton Eaton und Trey Hardee, an den zwei Tagen während des "Jim- Thorpe"-Meetings anlässlich von 100 Jahren olympischer Zehnkampf an Motivation. "Weltmeister Hardee beispielsweise kam zu mir und hat gesagt, dass er keine rechte Lust habe, sich zu verausgaben", erzählte der Hallenser. Der Grund: "Es war einfach wie im Training. Und da fehlt uns generell das Adrenalin, ohne das Top-Leistungen überhaupt nicht möglich sind", sagte Freimuth. Also "haben wir ganz chillig unser Ding runtergespult". Denn: "Alle haben doch nur noch die zwei Wettkampftage von London im Kopf."
Und so möchte er seine auf den ersten Blick wenig erbaulichen Ergebnisse auch eingeordnet wissen. 7,03 Meter im Weitsprung, 13,93 Meter mit der Kugel und dann noch 14,14 Sekunden über die 110 Meter Hürden. Rico Freimuth kann das alles besser. Und Jan-Felix Knobel, der zweite deutsche Olympiastarter, der in Marburg testete und insgesamt etwas schwächer als der Hallenser eingeschätzt wird, kam beispielsweise auf 7,14 Meter im Weitsprung und auf 14,93 Meter mit der Kugel. "Es sieht vielleicht ein wenig doof aus - trotzdem: Das sind Resultate wie im Training bei Sachen, die ich eben sowieso nicht so gut kann. Ich wollte sieben Meter springen und 14 Meter die Kugel wuchten. Das habe ich im Großen und Ganzen geschafft. Und die Hürden waren meine einzige Schokoladen-Disziplin, die ich hier in Angriff genommen habe", sagte er.
Zum Vergleich zog er Weltrekordler Eaton heran: "Der ist hier in Marburg über die 100 Meter mit einem Meter Rückenwind eine 10,46 gerannt. Bei seinem Weltrekord vor wenigen Wochen kam er in 10,21 Sekunden rein - und da hat es geregnet." Auf die Hürden haben dann die US-Stars ganz verzichtet. Und Knobel? "Der kann an guten Tagen die Kugel sogar noch einen Meter weiter stoßen."
Eigentlich standen auf Rico Freimuths ursprünglichem Marburg-Plan auch Hochsprung und Diskuswurf. "Das habe ich lieber gelassen. Ich hatte in der vergangenen Woche eine Verspannung im Rücken und bekam Spritzen. Nicht so wild", meinte er, "aber die Rotationsbewegungen bei diesen Disziplinen hätten womöglich nur wieder Schmerzen erzeugt - und darauf hatte ich nun wirklich keinen Bock." Deutete sich da ein Handicap für sie Sommerspiele an? "Nein, jedem Zehnkämpfer zwickt es immer irgendwo", sagte der Hallenser. Wichtig sind nur die positiven Indizien.
Jetzt will Rico Freimuth erst einmal die Seele baumeln lassen. Morgen wird er wieder leicht trainieren. Überhaupt: Harte Einheiten gibt es bis London nicht mehr. Am Sonnabend tourt der Hallenser nach Kienbaum. Am 5. August geht der Flieger nach London. Mit einer Bestleistung von 8 322 Punkten reist Freimuth in die britischen Hauptstadt. Sein Ziel ist es dort, diese noch einmal zu steigern. Und trotz der wenig glanzvollen Ergebnisse der Generalprobe von Marburg sieht er sich völlig im Soll.