Zehnkampf: Rico Freimuth emotional im Hoch

10.08.2012 22:03 Uhr | Aktualisiert 10.08.2012 22:18 Uhr
Mit einer Umarmung gratuliert Rico Freimuth Sieger Ashton Eaton. (FOTO: DPA) 
Von Christoph Karpe
Rico Freimuth aus Halle hat in London den sechsten Platz im Zehnkampf gemacht. Seitdem bekommt der Hallenser zahlreiche Glückwünsche aus seiner Heimat, digital und per Telefon.
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London/Halle (Saale)/MZ. 

Es hagelte nur so an Glückwunsch-Nachrichten. "Allein etwa 80 habe ich über Facebook erhalten. Ich bin gerade dabei, allen meinen Unterstützern zu antworten und zu danken", sagt Rico Freimuth am Telefon. Seit den Morgenstunden schrieb sich der Sechste des olympischen Zehnkampfs in seinem Hotelzimmer die Finger wund. Kein Problem, es waren auch fast die einzigen Gliedmaßen, die nicht schmerzten. Und schlafen konnte er sowieso nicht mehr. Die mitternächtlichen drei Bier mit seinem Trainer Wolfgang Kühne und und dessen Kollegen Rainer Pottel hatten ebensowenig geholfen, den Hallenser zu beruhigen, wie die anschließende Caipirinha-Sause in den umliegenden Bars mit Hürdenläufer Erik Balnuweit bis um 4 Uhr morgens. "Ich bin einfach immer noch total aufgewühlt. Wahrscheinlich werde ich in drei Tage, wenn ich das alles, was hier passiert ist, verarbeitet habe, einfach umfallen", sagt der Hallenser außerordentlich gut gelaunt.

Die zwei Wettkampf-Tage von London haben bei dem 24-Jährigen tiefe emotionale Spuren hinterlassen. "Die Ehrenrunde aller Zehnkämpfer, auf der wir frenetisch von den 80 000 Menschen im Stadion gefeiert wurden, war der schönste Moment in meinem Leben", meint Freimuth, der stolz wie Oskar neben Sieger Ashton Eaton (USA) durch das Oval trabte.

Sechster Platz mit 8 320 Punkten, nur zwei Zähler unter seiner Bestleistung, dazu der stärkste Deutsche bei Olympia seit Silbermedaillengewinner Frank Busemann 1996 in Atlanta (8 706 Punkte) - Freimuth schwebt vor Glück. "Das ist voll geil", sagt er.

Mit einem für seine Verhältnisse beherzten 1 500-Meter-Lauf hatte er sich diesen Rang sechs, der ihm künftig die optimale Sportförderung beschert, gesichert. Und dabei schloss er auch Frieden mit seinem alten Rivalen Pascal Behrenbruch. "Ein Ukrainer und ein Russe hatten angekündigt, mir diesen Platz noch streitig machen zu wollen. Ich wusste genau, was für eine Zeit ich rennen muss. Und da habe ich mit Pascal einen guten Partner gefunden. Er hat gesagt: ,Komm, wir versuchen es zusammen. Du verteidigst deinen sechsten Platz, ich komme unter die Top Ten, und dann haben wir hier ein Riesending gemacht'", erzählt Rico Freimuth. "Es ist schon viel wert, wenn man im Team arbeitet. Wir haben echt ein geiles Ding hier zusammen gemacht", meint er und: "Die Probleme, die wir im letzten Jahr hatten, haben wir beseitigt und ich denke, im Sport wächst man auch zusammen. Pascal hat sich auch gewandelt. Er nimmt sich nicht mehr so wichtig und ist bewusster geworden", so der Hallenser über seinen einstigen Intimfeind, der als Europameister mit 8 126 Punkten und Rang zehn vorlieb nehmen musste.

Für Rico Freimuth schien zwischenzeitlich sogar noch mehr drin als Platz sechs. Nach acht Disziplinen rangierte er sensationell auf dem Bronzerang. "Da ist sogar Weltmeister Trey Hardee zu mir gekommen, hat mir die Hand gegeben und hat gesagt: ,Du machst es, hol' dir die Medaille.' Das fand ich cool, weil ich von den Großen Respekt bekommen habe", sagt Freimuth. Doch er musste Hardee, den späteren Zweiten enttäuschen. "Ich wusste, dass mit einer Medaille wird nichts. Dafür waren meine letzten beiden Disziplinen, also Speerwurf und der Lauf, noch zu dürftig. Außerdem habe ich ja am Wurfarm Probleme mit dem Ellenbogen, und dazu tat mir seit dem Weitsprung das Knie höllisch weh. Eigentlich ging es mir gar nicht gut. So gesehen sind die 8320 Punkte großartig. Die muss man erst einmal schaffen", erzählt der Hallenser. Dieser Rang sechs war also schon eine absolute Willensleistung. Dennoch: Rico Freimuth hat "die zwei schönsten Tage meines Lebens erlebt." Und in diesem Hochgefühl marschierte er erst einmal zur Massage, um die maladen Muskeln wenigsten etwas wieder in Schwung bringen zu lassen.