Sind mehr als 60 Jahre alt: Fotos vom Brückenbau, die Gerhard Polet zeigt und wie einen Schatz bewahrt. (FOTO: P. LISKER)
Die kleine Fotosammlung hat er immer griffbereit. Gerhard Polet kann es schwarz auf weiß beweisen. Beim Wiederaufbau der heutigen Großen Brücke vor sechs Jahrzehnten in Weißenfels war der Saalestädter dabei. Denn auf zwei der etwa 16 Aufnahmen mit den weiß-vergilbten gezackten Rändern ist er abgebildet.
Als aktiver Zeitungsleser hat sich der heute 83-Jährige über den "Brücken"-Artikel und die Fotos in der Mittwoch-Ausgabe der Mitteldeutschen Zeitung gefreut. Deshalb wandte er sich gleich am nächsten Morgen an die Lokalredaktion seiner Heimatzeitung. "Vielleicht suchen sie ja so einen Zeitzeugen wie mich", erklärte Gerhard Polet am Telefon, bevor wir ihn am Freitag besuchen durften.
"Zuerst habe ich, nachdem die große Brücke von den Nazis im April 1945 gesprengt worden war, am Bau einer Notbrücke aus Holz mitgebaut", blickt der Rentner zurück auf die Zeit 1946 / 47. Er war damals 18 und hatte ein paar Jahre zuvor seine Lehre als Zimmermann im Baugeschäft bei Hermann Frahnert in der Tagewerbener Straße 45 gemacht. Die Behelfsbrücke hielt nicht. Zu hart war der Winter, dem Sprengen von massigen Eisschollen folgte im März durch Plusgrade das Hochwasser. Durch das Tauwetter war der Pegel der Saale innerhalb von nur einer Stunde um einen ganzen Meter gestiegen. Polet, der in der Neustadt wohnte, weiß es noch genau. An jenen eiskalten Tagen bei 27 Grad Minus glich der Fluss einer ein Meter dicken und kompakten Glasplatte. "Warme Klamotten hatten wir nicht und zogen deshalb drei, vier Soldaten-Drilligjacken auf einmal übereinander, außerdem trug ich Militärstiefel", erzählt der Witwer weiter von damals.
Als 1951 der geplante Bau der Stahlbetonbrücke anfing, war der Mann mit den goldenen Händen ebenfalls dabei. Aus jedem Betrieb mussten Leute für den Neubau abgestellt werden. Gerhard Polet hatte inzwischen geheiratet und wurde Vater einer Tochter und eines Sohnes. Gearbeitet habe er von Montag bis Sonnabend, alle Tage von sieben Uhr bis nachmittags halb fünf und sonnabends bis Mittag um eins, schaut der Familienvater zurück. "Die Stunde kriegten wir 75 Pfennige, pro Woche waren das etwa 40 Mark, die ich als Verdienst nach Hause brachte", berichtet Polet. Im Vergleich zu anderen Arbeitern, zum Beispiel bei Nolle - heute Drakena - habe er "noch einen ordentlichen Stundenlohn verdient". Bei Nolle gab es für viele Männer nur 16 Pfennige pro Arbeitsstunde.
Er habe alles gemacht, was auf so einer Brückenbaustelle anfiel - Einschalungsarbeiten, den Kran geführt, Baustoffe rangekarrt, damit aus Splitt, Kies, Zement und Wasser Beton vor Ort hergestellt werden konnte. "An der heutigen Umgehungsstraße hätten mit unserer Variante mehrere Generationen gebaut", vergleicht er kopfschüttelnd. "Ich war bei Wind und Wetter meistens draußen und habe dabei schwer gearbeitet - erst als Zimmermann, später als Schlosser in den Leuna-Werken und danach beim Mitteldeutschen Feuerungsbau in Weißenfels. Wahrscheinlich bin ich deshalb so alt geworden", meint er lächelnd. Wenn Urgroßvater Polet heute vom Kugelberg in Richtung Neustadt über "seine" Brücke zum Bäcker nach Reichardtswerben fährt und dabei selbst noch am Steuer sitzt, ist er stolz.
Mit dem Auto sei er eben besser dran als zu Fuß, die Knie spielen nicht mehr so mit, wie es sich der Senior wünscht. Auch seinen Garten hat er längst abgegeben. Mit Kochen, Autofahren und Zeitunglesen verbringe er den Tag. Sohn und Tochter sehe er regelmäßig. Dass Enkel und Urenkel weit weg sind, 500 Kilometer entfernt von ihm wohnen, bedauert er. Doch wichtiger sei, dass sie Arbeit haben. Seine Fotos, die er mit einem Apparat aus Vorkriegszeiten gemacht hat, will er dem Stadtarchiv schenken. "Aber jetzt noch nicht", sagt er und steckt die "Heiligtümer" augenzwinkernd weg.