Das barocke Rathaus prägt das Bild des Weißenfelser Marktplatzes. Nun haben Architekten herausgefunden, dass sich der Turm nach hinten neigt. (FOTO: LISKER)
Weißenfels hat seinen schiefen Turm. Nicht so schief freilich wie das berühmte Bauwerk im italienischen Pisa. Aber immerhin neigt sich der Turm des Weißenfelser Rathauses mittlerweile um etwa 20 Zentimeter nach hinten und drückt auf die Wand zum Hof. Mit dieser Nachricht konfrontierte Architekt Martin Sturmat die Weißenfelser Stadträte während ihrer Sitzung am Donnerstagabend.
Der geneigte Turm ist dabei nur äußeres Zeichen dafür, dass im ehrwürdigen Gebäude am Markt einiges im Argen liegt. Wenn Mitarbeiter und Besucher die Treppe zu den oberen Etagen hinaufsteigen, dann blicken sie schon seit längerem irritiert auf einen langen Riss in der Wand. Die Ursachen dafür liegen laut Sturmat in einer mangelhaften Gründung des Hauses und einer desolaten Dachkonstruktion. Die Schäden unterm Dach wurden nun entdeckt, als die Innenhaut geöffnet werden musste, um das neue Technische Rathaus in der Marienstraße und das alte Rathaus am Markt mit einem extra Bauwerk zu verbinden. "In dem geöffneten Bereich haben wir gravierende Mängel festgestellt", sagte Sturmat und verwies auf eine desolate Holzkonstruktion, "unfachmännisch eingebaute Stahlträger", starke Verformungen und Schwammbefall. "Das ist ganz sicher kein gesunder Zustand", schätzte Sturmat ein. Wenngleich das Gebäude natürlich nicht vom Einsturz bedroht sei. Wie schlimm es um das Rathaus wirklich steht, soll eine weitere Bestandsaufnahme in den nächsten Wochen zeigen. Dafür soll das Dachgeschoss von sämtlichen Verkleidungen und Anbauten befreit werden. Weil sich schadhafte Holzbalken von oben nach unten durch das gesamte Rathaus ziehen, müsse nun das komplette Gebäude betrachtet werden, so der Architekt.
Den Zeitraum, in dem die Schäden unterm Rathausdach entstanden sind, konnte er freilich nicht genau eingrenzen. "Sie sind nicht in den letzten zehn Jahren entstanden, sondern vielleicht in den vergangenen 100 bis 150 Jahren", mutmaßte Sturmat. Wie die Stadt auf MZ-Anfrage informierte, war das Rathausdach im zweiten Halbjahr 1995 zuletzt neu eingedeckt worden. Wohl nicht mehr zu klären ist, ob dabei Mängel in der Dachkonstruktion zumindest teilweise hätten festgestellt werden können.
"Bis zum Jahresende hoffen wir darauf, eine Übersicht über das Ausmaß der Schäden zu haben", sagte Oberbürgermeister Robby Risch (parteilos). Erst dann werde man auch wissen, wie viel Geld die Stadt in die Hand nehmen muss, um das alte Rathaus wieder auf Vordermann zu bringen. Dass dafür eine Million Euro nicht reichen wird, erschien den meisten Stadträten allerdings schon jetzt klar.
Klar ist ebenso, dass der Dachschaden im Rathaus Auswirkungen auf die geplanten Umzüge von Teilen der Verwaltung hat. Bevor es über den Zustand des Rathauses keine Gewissheit gibt, wird das Rechtsamt nicht wie vorgesehen vom Hintergebäude des Novalishauses in das erste Obergeschoss des Rathauses einziehen. Wie Risch weiter sagte, wird das marode Hinterhaus in der Klosterstraße dennoch freigeräumt, wird das Rechtsamt zwischenzeitlich im benachbarten Novalishaus untergebracht. Auf den Publikumsverkehr haben die Schäden unterm Rathausdach kaum Auswirkungen, da sich die Einwohner seit Eröffnung des neuen Bürgerzentrums an der benachbarten Ecke Große Burgstraße / Klosterstraße mit ihren Anliegen im Wesentlichen dorthin wenden.
Bei all den schlechten Nachrichten war eine Entdeckung der Architekten im Stadtrat fast schon untergegangen. Hatte man doch während der Bestandsaufnahme im kleinen Sitzungssaal unter den Verkleidungen eine alte Stuckdecke gefunden. Ein historisches Kleinod, für dessen Sanierung die Stadt einmal mehr Geld bräuchte.