Weißenfels: Flakgranaten neben Mehrfamilienhäusern und Altenheim

17.06.2012 13:12 Uhr | Aktualisiert 18.06.2012 20:35 Uhr
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Kampfmittel

Steffen Sachse zeigt eine Fundstelle mit einem Berg Schrott, wo die Kampfmittel gefunden worden waren. (FOTO: PETER LISKER)

Mitten in Weißenfels sind große Mengen Munition entdeckt worden. Nachdem der Kampfmittelbeseitigungsdienst am Freitag eine scharfe Handgranate und 87 Flakgranaten zur Entsorgung abgeholt hatte, wiesen Anwohner auf weitere Hinterlassenschaften der dort bis 1992 stationierten Russen hin.
Weißenfels/mz. 

Die Sprengstoffexperten rückten erneut an, um das Material zu überprüfen und zu sichern. In unmittelbarer Nähe der Fundstelle befinden sich Mehrfamilienhäuser und ein Altenheim. Das verwahrloste frühere Kasernengelände ist von Kindern zu Spielen genutzt worden. Warum das brisante Material nicht schon früher beiseite geräumt wurde, blieb zunächst offen.

"Wollen Sie noch mehr sehen?", fragt Steffen Sachse unverfroren und geht mit dem MZ-Fotografen ein paar Schritte, hebt dort eine schwarze Folie hoch und demonstriert einen riesigen Haufen verrostete Munition. So geschehen am Sonntag gegen 15 Uhr in Weißenfels, Selauer Straße. Dem Erstaunen folgt das Entsetzen. Granaten am Straßenrand mitten in Weißenfels, dort, wo Mensch wohnen, Kinder spielen und erst vor Kurzem das Zelt eines Zirkus stand - kann das sein, ist das wahr? Und ob! Die Beschaulichkeit des Sonntags mit der Vorfreude auf einen Fußballabend ist dahin. Angst macht sich breit. Steffen Sachse geht zum Gebüsch vis á vis des Wohnblocks, wo er zu Hause ist, hebt eine Granate hoch und sagt: "Die haben sie einfach liegengelassen."

Der 24-Jährige meint den Kampfmittelbeseitigungsdienst, der am Freitag vor Ort war. Der Weißenfelser, der in einem der sanierten Blocks wohnt, hatte bei einem morgendlichen Spaziergang etwas Metallisches im Gebüsch an den Tonnen entdeckt. "Ich habe mich gebückt, um doch genauer hinzusehen und sehe plötzlich eine Handgranate", schildert er. Sachse alarmiert die Polizei.

Die rückt elf Uhr an und sperrt das Gebiet an den Blocks ab. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst wird alarmiert. Vier Stunden wird das Gebiet im Osten der Stadt, in dem sich neben Wohnblocks auch ein Altenheim befindet, durchkämmt. Mitgenommen werden 88 Granaten, davon eine Handgranate und 87 Flakgranaten in einer Größe von 23 Millimetern, ist von Marcus Rathman von der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd am Sonntagnachmittag zu erfahren. Allesamt sei es Munition aus russischer Herkunft. Die ist erklärbar. Angrenzend an die Selauer Straße befand sich bis 1992 eine russische Kaserne, in der schätzungsweise 1 200 Soldaten stationiert waren.

Der vierstündige Einsatz vom Freitag landet bei der MZ-Lokalredaktion am Sonntag als eine fünfzeilige Polizeinachricht auf dem Tisch. Das Team hakt nach, fährt vor Ort. Dort trifft es nicht nur auf den Finder der Munition, Steffen Sachse, sondern auch auf Klaus Hartmann. Er wohnt seit zwei Jahren mit seiner Frau Cindy und den fünf Kindern in einer der rund 30 sanierten Wohnungen nahe der Grünfläche, wo einst Panzer fuhren. "Ich habe die Nase voll. Viermal haben wir im vergangenen Jahr die Polizei gerufen. In diesem Jahr ist es schon das zweite Mal gewesen", schimpft der 34-Jährige. Im vergangenen Jahr hatte sein Sohn Max plötzlich eine Granate nach Hause gebracht. "Seitdem haben wir den Kindern verboten, im Grünen zu spielen. Sie sind nur noch unter Aufsicht draußen. Wir wissen doch nicht, was hier noch lagert oder ob hier mal etwas hoch geht."

Hartmann und Sachse denken, dass das Terrain zwar grob gereinigt, aber nicht vollends vom Munitionsschrott der Russen entsorgt wurde. "Um unsere Sorgen kümmert sich doch keiner", meint Hartmann, der das gefährliche Problem bei seinem Vermieter, eine niederländische Aktiengesellschaft, bereits angesprochen hat. "Wir leben hier wie auf einem Pulverfass und das mitten in der Stadt", meint der 34-Jährige. Gegen 16 Uhr fährt die Polizei vor, sperrt das Terrain wiederum ab. Oberkommissar Ingo Thomas fordert den Kampfmittelbeseitigungsdienst an. Bei einem großen Teil der Fundmunition handele es sich um Schrott. Ob die eine Granate noch scharf ist, klärt in den nächsten Stunden der Kampfmittelbeseitigungsdienst.