Bald betroffen: Mario Seibicke und Dagmar Merl. (FOTO: MZ)
Es ist bestätigt: Die Gartenanlage "Heuweg" wird es irgendwann nicht mehr geben. "Langfristig ist geplant, das Areal gewerblich zu nutzen. Das wird in der Gänze unabwendbar sein", sagt der Sprecher des Eigentümers Tönnies, Markus Eicher. Damit sind es keine Gerüchte mehr, die seit einigen Tagen durch die Gartensparte ziehen. Nachdem vor zwei Jahren eine Reihe der 106 Jahre alten Parzellen den Parkplätzen für das Heuwegcenter weichen mussten, erhielten kürzlich elf weitere Hobbygärtner die Nachricht.
Betroffen sind auch Heinz und Renate Hauck. Diese Saison dürfen sie noch in ihrer grünen Oase verbringen. Sie werden grillen und Unkraut zupfen. So wie sie es dort seit 45 Jahren machen. Sie werden später das Obst von den aus Kernen eigens gezogenen mittlerweile 35 Jahre alten Aprikosenbäumen ernten, Bohnen abnehmen und die knackigen Gurken pflücken. Danach werden Renate und Heinz Hauck Blumenzwiebeln und Büsche aus der Erde buddeln, abschließen und nicht mehr wiederkommen. Abrissbagger rücken an und machen die Parzellen dem Erdboden gleich. Es wird Bauland entstehen. Für ein Möbelhaus, welches sich in Weißenfels ansiedeln wird.
"Brauchen wir ja auch", sagt Kay Hauck mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus. Er ist der Sohn des Rentnerpaares und Gartennachbar seiner Eltern. Kay Hauck half ihnen, wo er konnte und umgekehrt war es genauso. Daher weiß Kay Hauck auch, wie es seinen Eltern geht. "Wir werden zwar vom Eigentümer des Landes entschädigt", sagt der 46-Jährige. "Aber die 45 Jahre Arbeit, die der Vater hier hineingesteckt hat, die sind ja eigentlich mit nichts zu bezahlen", macht er klar. Während der Sohn redet, entfernt sich Heinz Hauck. Es fällt ihm schwer, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Dann spricht der 74-Jährige doch. "Ich hatte in diesem Jahr unsere Laube repariert. Ich hatte das letzte Brett angenagelt und da lag der Brief im Kasten", blickt er zurück. Es war die Einladung zur Informationsveranstaltung. Dort wurde den Parzellenbesitzern mitgeteilt, dass ihre Gärten verschwinden. Finanziell ist das tatsächlich kein Problem. Der Eigentümer ist großzügig.
"Wir gehen nicht wirtschaftlich, sondern sensibel vor", bestätigt Markus Eicher. Den Parzellenbesitzern bekannte Personen werden als Gutachter eingesetzt. "Wir berücksichtigen persönliche Befindlichkeiten und haben Ermessensspielräume", so der Sprecher weiter. Bald wird ein Gutachter zu Haucks kommen und das Inventar schätzen. Wahrscheinlich wird er noch für den Umzug drauflegen. So war es vor zwei Jahren geschehen, als die erste Reihe verschwand. Daran können sich Ines und Udo Gohl noch gut erinnern. Sie waren bis dahin Nachbarn der Haucks. "Das war schon heftig", erinnert sich Ines Gohl. Sie hatte aus dem Garten mitgenommen, was ging. Schließlich hatten sie in der Markwerbener Anlage eine Alternative gefunden. "Wir mussten dennoch noch einmal anfangen", sagt die Weißenfelserin und schaut ihren Mann an. Er sei ein Alleskönner, der sofort mit den handwerklichen Tätigkeiten loslegte, so dass sich die Gohls nun in ihrer neuen Umgebung wohlfühlen.
Während sich Gohls zu dieser Zeit einrichten, fällt Kay Hauck auf, dass die Entwässerungsrohre auch auf Höhe seiner Parzelle verlegt werden. "Die hatten doch da schon vor, uns wegzubaggern", so seine Vermutung. Jedoch ist das Areal gar nicht als Baugebiet ausgewiesen. Das bestätigt Stadtverwaltungsmitarbeiterin Ulrike Hoffmann. Derzeit würden auch keine Änderungs-Anträge des Eigentümers vorliegen, teilt sie in einem Schreiben auf MZ-Nachfrage mit.
"Wir gehen Schritt für Schritt voran", sagt dazu Markus Eicher. Schritt eins sei die Regelung mit den Pächtern. Dann komme Schritt zwei: Ausarbeitung der Bauanträge und der Antrag auf Änderung des Flächennutzungsplanes bei der Stadtverwaltung. Wann das geschieht, steht allerdings noch in den Sternen. Wenn Haucks im Herbst die Pflanzen ausgraben, bleiben die Aprikosen stehen. "Einen alten Baum, verpflanzt man nicht", sagt der Sohn und schaut auf seinen Vater.