Die Gemeinschaftsschule braucht kein Mensch - und doch wird sie höchstwahrscheinlich kommen. Es war vor allem diese Botschaft, die von einer Gesprächsrunde ausging, zu der der CDU-Ortsverband Weißenfels am Donnerstagabend in das Café Centra eingeladen hatte. Angesichts dessen, dass im Land zurzeit an der 14. Novelle des Schulgesetzes in den letzten 20 Jahren gewerkelt wird, hatte man Gäste aus der Praxis eingeladen, um über die geplante Einführung von Gemeinschaftsschulen im Lande zu diskutieren.
Wer an diesem Abend unter den rund 30 Gästen ein Streitgespräch erwartet hatte, sah sich allerdings enttäuscht. Zu eindeutig war auf der von Lehrer Jörg Riemer locker moderierten CDU-Veranstaltung die Ablehnung der neuen Bildungsidee. Da nahm der Leiter des Weißenfelser Goethe-Gymnasiums, Jürgen Mannke, kein Blatt vor den Mund. "Die Gemeinschaftsschule ist ideologisch verbohrter Schwachsinn", urteilte der Vorsitzende des Philologenverbandes von Sachsen-Anhalt, der seit mehr als 30 Jahren als Lehrer arbeitet. Im Lande existieren nach seiner Auffassung bereits jetzt alle notwendigen Schulformen. Die Gemeinschaftsschule bedeute "gemeinsam länger weniger lernen", meinte Mannke. Eine solche Form sei für ein Land wie Finnland geeignet, in dem in 90 Prozent aller Schulen weniger als 50 Schüler lernen. In Sachsen-Anhalt mit einer durchschnittlichen Klassenstärke von 29 Schülern seien die Lehrer mit einer individuellen Förderung aller Schüler schlichtweg überfordert.
In die gleiche Richtung argumentierte Falko Schupa, seit 20 Jahren Leiter der Weißenfelser Ökowegschule. "Schule ist zum Spielball der Politik geworden", klagte er und forderte ein Ende der Experimente im Bildungssystem in Sachsen-Anhalt. Schupa berichtete über die guten Erfahrungen seiner Schule als Ganztagseinrichtung, in der über den eigentlichen Unterricht hinaus Angebote in rund 30 Arbeitsgemeinschaften unterbreitet werden.
Die Zwänge der Landespolitik versuchte die CDU-Landtagsabgeordnete Eva Feußner deutlich zu machen. Auch sie machte aus ihrer Ablehnung der Gemeinschaftsschule keinen Hehl. Zugleich musste sie jedoch einräumen, dass sich die Sozialdemokraten in der regierenden CDU / SPD-Koalition in dieser Frage durchgesetzt haben und das Projekt deshalb nun auf der Tagesordnung steht. "Ich zweifle nicht daran, dass die Gemeinschaftsschule kommen wird", sagte sie mit dem Verweis auf den Koalitionsvertrag. Bis zu einem Beschluss seien jedoch noch zahlreiche Einzelfragen, wie etwa die der Schülerbeförderung, zu klären. Sie sei jedoch davon überzeugt, dass man in fünf Jahren feststellen werde, dass diese Schulform nicht funktioniert, sagte Feußner, die früher selbst als Lehrerin gearbeitet hat.
Während Feußner ankündigte, die Novelle des Schulgesetzes im Landtag ablehnen zu wollen, gab sich Fraktionskollege Harry Lienau etwas vorsichtiger. Auch er lehne die Gemeinschaftsschule ab, sagte er. Zugleich deutete er an, in welcher Zwickmühle die CDU-Abgeordneten stecken: "Wenn bei uns alle ablehnen, platzt die Koalition". Er setze deshalb eher auf eine "Abwahl" der Gemeinschaftsschule. Da die Einführung einer solchen auf Freiwilligkeit basiert und die Gesamtkonferenz der Schule zustimmen muss, könnten von dieser Stelle wichtige Signale ausgehen.
Beide Landespolitiker setzen zudem auf die Eltern. Auf eine Anfrage aus der Runde, wie man denn der Gemeinschaftsschule begegnen könne, ermutigten sie zu "mehr Druck von unten", um neuen Experimenten in der Schulpolitik des Landes Einhalt zu gebieten.