Rüsten sich für den Festumzug in Dessau, an dem 5.000 Akteure teilnehmen werden: Iris und Jörg Wiebigke, Ramona und Mario Seitz (von links) aus Weißenfels. (FOTO: PETER LISKER)
Sie sind in ihrer Teilnahme an Stadtfesten keine Neulinge. Ramona und Mario Seitz haben schon mehrmals bei Schlossfesten ihrer Heimatstadt Weißenfels die Stadtgründer gemimt - er hoch zu Ross als Markgraf Dietrich von Meißen, sie in der Rolle der Gemahlin Hedwig von Brandenburg.
Jetzt wollen der Chemiekant und die Angestellte der Sparkasse Burgenlandkreis mal über den Tellerrand gucken und sind deshalb am Sonntag beim 16. Sachsen-Anhalt in Dessau dabei. "Früh halb neun geht es los", sagt Mario Seitz, der als Leunawerker extra für das Landesfest seine Schicht getauscht hat. "Ohne das Verständnis meiner Kollegen hätte ich nicht teilnehmen können", macht er klar und freut sich auf einen schönen und erlebnisreichen Tag mit seiner Frau, deren Schwester und dem Schwager. Denn Familie Seitz hat mit ihrem Enthusiasmus auch Iris und Jörg Wiebigke angesteckt. Die Altenpflegerin bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) und der Fachlehrer für Sport, Erdkunde und Informatik am Goethegymnasium machen das Quartett komplett.
Im Festumzug wollen die vier Botschafter ihrer Stadt als Schuster eine jahrhundertelange Tradition aus Weißenfels wachhalten, wie Ramona Seitz erklärt. "Wir sind sozusagen das Gefolge unseres Schusterjungen Lutz Teetzen und stolz darauf", sagt die 50-Jährige mit dem Rotschopf. "Wer uns sieht, weiß sofort - aha, das sind die Weißenfelser", ergänzt ihre Schwester Iris Wiebigke (48) mit einem schelmischen Lächeln. Schuster hätten einen hohen Erkennungswert, das wissen auch die Männer mit einem Schmunzeln.
Und was wären Schuster ohne die passende Kleidung von Kopf bis Fuß und das richtige Werkzeug? Dass die Akteure Schiebermützen, blaue Schürzen und karierte Hemden tragen, ist ganz und gar nicht selbstverständlich. "Die Schürzen und Mützen hat Gudrun Schulze genäht", berichtet Mario Seitz. Da sei Maß genommen und anprobiert worden, bis er schließlich alles von der Schlossfestorganisatorin zu Hause abholen konnte. "Sie ist eine richtige Perle, sie macht und tut, ruft an, organisiert und motiviert - ein Vorbild seit Jahren, was ehrenamtliches Engagement in unserer Stadt betrifft", versichert der Markgraf anerkennend, der zwischenzeitlich zum Schuster umsattelt (und zum Schlossfest wieder Markgraf sein wird). Das Werkzeug haben sich die beiden Ehepaare von Schuhmacher Löffler aus der Merseburger Straße in der Neustadt von Weißenfels besorgt. "Wir haben ihn gefragt und er hat ja gesagt - ganz unkompliziert", plaudert Iris Wiebigke, während ihr Mann Jörg Leisten und Dreifuß zeigt. Doch damit nicht genug. Die Altenpflegerin hat "ihre" Senioren bei der Awo im Weißenfelser Kirschweg mobil gemacht. Sie hätten Putztücher, Schnürsenkel und Schuhbürsten, vieles noch aus DDR-Zeiten, herausgekramt und sich riesig gefreut, dass sie helfen konnten, damit die Schuster aus Weißenfels auch echt aussehen, meint Iris Wiebigke lachend. "Wer bei einem solchen Spektakel - ob zu Hause oder auswärts, mitmischt, der muss schon ein bisschen verrückt sein" - darin sind sich die Verwandten einig. "Unsere Kinder finden das übrigens toll und haben uns schon begutachtet", erzählt Ramona Seitz. "Kollegen wollen morgen Nachmittag den Fernseher anstellen - vielleicht sehen sie uns", sagt sie und fiebert dem Fest entgegen.