Joachim Rukwied (rechts) übernahm am Mittwoch symbolisch das Lenkrad vom bisherigen Bauernpräsidenten Gerd Sonnleitner. (FOTO: DPA)
Da werden sich seine Kritiker, zumal jene aus den Umwelt- und Naturschutzverbänden, wohl warm anziehen müssen: Die knapp 600 Delegierten des Deutschen Bauernverbandes haben am Mittwoch mit 95,4 Prozent der Stimmen Joachim Rukwied zum neuen Bauernpräsidenten gewählt. Mit dem 50 Jahre alten Landwirt kommt ein Mann ans Ruder, der wesentlich stärker als sein Vorgänger Gerd Sonnleitner als ein Vertreter der auf Wachstum gepolten Landwirtschaft auftritt.
Fortschritt, "effiziente" Landwirtschaft, Weltmarkt, Technisierung, Ökonomisierung und natürlich Abschied von der Idylle, diese Begriffe umschreiben viel eher sein Modell von einer modernen Landwirtschaft. In Wahrheit kommt da aber ein Vertreter der Industrielandwirtschaft an die Spitze des Bauernverbandes, der die bäuerliche Landwirtschaft nur vom Hörensagen kennt. Oder, wie Rukwied wahrscheinlich sagen würde, vom "hearsay".
Gilt als "Grünenfresser"
Denn der frühere CDU-Kommunalpolitiker aus dem baden-württembergischen Eberstadt kehrt bei öffentlichen Auftritten gern den Kosmopoliten heraus. Mit der Vorstellung, dass ein aus Süddeutschland stammender Bauernfunktionär auch die eher kleineren Strukturen, das Wohl der Tiere und den sorgsamen Umgang mit der Natur in den Blick nimmt, hat Rukwied schon aufgeräumt.
Zuletzt beim Landesbauerntag Baden-Württembergs, als er für technischen Fortschritt auf den Höfen warb und die "anerkannten Leistungen der heimischen Landwirtschaft im Umwelt- und Naturschutz" beschwor.
Dass Landwirtschaft per se keineswegs Umweltschutz bedeutet, entgeht dem Funktionär. Auch die Verhältnisse auf dem eigenen Hof im Landkreis Heilbronn sprechen eher dafür, dass hier jemand die Verbandsinteressen im Sinne der großen Betriebe vertreten wird. Diesen Eindruck war der Bauernverband in der Vergangenheit stets eifrig bemüht zu vermeiden.
Der Bauer Joachim Rukwied übernahm 1994 den elterlichen Hof bei Heilbronn. Er baut auf 290 Hektar Ackerland Getreide, Zuckerrüben, Raps und Kohl an. Zudem zählen acht Hektar Weinberge zum Rukwiedschen Betrieb. Dieser ist dreimal so groß wie der von Sonnleitner und fast zehnmal so groß wie der Hof, den ein Durchschnittsbauer in Baden-Württemberg beackert. Im Vergleich zu großen Agrar-Gesellschaften in Sachsen-Anhalt ist er aber nur ein "Mittelständler".
Neues Image für die Branche
An der Fachhochschule in Nürtingen studierte Rukwied einst Landwirtschaft - mit Schwerpunkt Betriebswirtschaft. Die ökonomische Sichtweise hat er sich bis heute bewahrt: Die Forschung müsse noch praxisorientierter arbeiten, um Höfe effizienter zu machen.
Bei Kritikern eilt Rukwied ein zweifelhafter Ruf voraus: Ausgerechnet im Land des ersten grünen Ministerpräsidenten gilt der künftige erste Bauer der Nation unter seinen Kritikern als "Grünenfresser". Fast scheint es, als habe der aus Altersgründen scheidende Sonnleitner den Boden für Rukwied bereiten wollen: Immer wieder sprach Sonnleitner zuletzt über das "Ungleichgewicht" zwischen den Erwartungen der Menschen an den Tierschutz im Stall und der Realität. Auch Rukwied schimpft auf das von der EU geplante Greening, die Bindung der EU-Hilfen an mehr Umwelt- und Tierschutz.
Rukwied beklagt auch ein überkommenes Bild von der Landwirtschaft: Der Verbraucher habe immer noch den idyllischen Kleinbauernhof im Blick. Ein Image, das Rukwied verändern wird.