Die Preise für die wichtigen Agrarrohstoffe Mais, Soja und Weizen sind wegen sich abzeichnender Missernten vor allem in den USA in den letzten Wochen um bis zu 70 Prozent gestiegen. Die wichtigen Futterpflanzen Mais und Soja haben damit ein Niveau erreicht wie 2008, als Rekordpreise in Entwicklungsländern für Hungerrevolten gesorgt haben, stellen Experten der Hilfsorganisation Oxfam klar.
Wenn es so weitergeht, seien Preissteigerungen bei Lebensmitteln aber auch bei aus Mais hergestelltem Biosprit vorprogrammiert. Vor allem Fleisch drohe teurer zu werden, wenn die Futterkosten für Tiere hoch bleiben, warnt auch Baywa-Chef Klaus Josef Lutz. Alles hänge nun davon ab, wie die Welternten am Ende ausfallen. Für die Verbraucher in westlichen Industrieländern seien die Folgen überschaubar, beruhigt der Chef von Europas größtem Agrarhändler. Aber in Entwicklungsländern könnten allein die Rekordpreise beim Getreide desaströse Auswirkungen haben. Bis zu 60 Prozent ihres Einkommens geben Arme in afrikanischen Ländern für Nahrungsmittel aus, oft für eine einzige Getreidesorte. In China beträgt der Anteil etwa ein Drittel. Zum Vergleich: In Deutschland liegt diese Quote nach laut Statistischem Bundesamts bei zehn Prozent.
Viele Agrarexperten wie Leon Leschus vom Hamburger Weltwirtschaftsinsitut (HWWI) rechnen nicht mit einem schnellen Rückgang der Agrarpreise. Im Gegenteil: "Der Klimawandel raubt Anbauflächen, zugleich steigt die Nachfrage mit zunehmendem Wohlstand vor allem in bevölkerungsreichen Ländern wie China." Kurzfristig für entscheidend hält Leschus, wie die USA mit ihrer Dürre umgehen. 40 Prozent der US-Maisernte landeten zuletzt als Biosprit im Tank. Werde diese Quote gesenkt, könne das die Lage spürbar entspannen. Für so dramatisch wie 2008 hält er die globale Lage aber nicht, weil damals im Gegensatz zu heute auch die Reispreise massiv angezogen haben.
In Deutschland wird eine unterdurchschnittliche Getreideernte erwartet. Die Experten des Deutschen Raiffeisenverbands schätzen eine bundesweite Erntemenge von 42,8 Millionen Tonnen. Das wären zwar drei Prozent mehr als 2011, aber immer noch deutlich weniger als das langjährige Mittel von 45 Millionen Tonnen. Der Landesbauernverband Sachsen-Anhalt erwartet eine durchschnittliche Ernte. Ersten Befragungen zufolge haben die meisten Landwirte bei der Wintergerste einen "guten mittleren Ertrag" von 6,4 bis sieben Tonnen je Hektar erzielt. Auch beim Weizen werden durchschnittliche Werte erwartet. Die Bauern profitieren von den gestiegenen Preisen.
Auf Produkte wie Brot oder Gebäck haben hohe Getreidepreise wenig Einfluss, beruhigt der Deutsche Bauernverband. In einem Brötchen würden nur ein bis zwei Cent Rohstoffkosten stecken. "Bei Bauern, die Tiere halten herrscht aber keine Jubelstimmung", räumt ein Verbandssprecher ein. Ob oder wie stark Fleischpreise als Folge der Rekordgetreidepreise hier zu Lande anziehen, sei aber noch nicht absehbar. Spekulationsgetrieben wie 2008 sind die aktuellen Agrarpreise übrigens kaum, sagen die Experten. Einige Spekulanten würden zwar auf den Zug aufspringen, erklärt Leschus. Hauptverantwortlich sei aber Ernteeinbußen.