Finanzmarktexperte Robert Halver von der Baader Bank steht in der Börse in Frankfurt am Main. Der DAX fiel am Morgen unter die Marke von 6000 Punkten. (FOTO: DPA)
Früher hat Robert Halver nüchtern Zahlen analysiert und daraus Anlagestrategien für seinen Arbeitgeber, die Baader Bank, entwickelt. Doch die Märkte sind im Ausnahmezustand. „Da helfen nüchterne Analysen auch nicht mehr weiter“, sagt Halver. Seit Wochen befinden sich die Aktienkurse auf Talfahrt. Ursache der Misere, da sind sich Experten einig, ist vor allem die Schuldenkrise in Europa. Und hier herrscht inzwischen nackte Angst: dass die Krise eskaliert und die Euro-Zone auseinanderbrechen könnte.
Am Montag stürzte der Dax, das maßgebliche deutsche Börsenbarometer, zeitweise deutlich unter die Marke von 6 000 Punkten. Innerhalb von nur zwei Monaten hat der Dax damit mehr als 1 000 Punkte oder knapp 15 Prozent verloren. Und ein Ende der Talfahrt ist nicht abzusehen. An den anderen wichtigen Finanzplätzen rund um den Globus ist das Bild ähnlich: Auch in New York, London, Paris, Tokio zeigen die Kurscharts steil nach unten.
Für Halver, der so etwas wie das Gesicht der Börse geworden ist, weil ihn die Fotografen zu ihrem Lieblingsmotiv im Frankfurter Handelssaal auserkoren haben, ist die Politik Schuld daran, dass es so weit gekommen ist. „Es ist fünf vor zwölf“, sagt Halver, „doch die Politiker haben den Ernst der Lage offenbar noch immer nicht erkannt.“ „Die Milliarden-Rettungsschirme helfen auf Dauer nicht weiter und auch Eurobonds lösen das Problem nicht, denn bis die kommen und ihre Wirkung entfalten, vergeht viel zu viel Zeit“, schimpft er. „Die einzige wirksame Lösung wäre, wenn die Europäische Zentralbank massiv Anleihen aufkaufen würde, um das Liquiditätsproblem ein für alle mal zu lösen“, fordert er. Im Klartext: Die EZB soll ohne Ende Geld drucken. Das führe zwar unweigerlich zu Inflation, doch die müsse man einfach in Kauf nehmen, „wenn uns der Euro nicht um die Ohren fliegen soll.“
Wie schlecht es um die Aktienmärkte inzwischen bestellt ist, drückt der Dax noch gar nicht richtig aus. Denn er verzerrt die Kursentwicklung, weil alle ausgeschütteten Dividenden mit einberechnet werden. Deshalb berechnet die Börse auch einen Kursindex ohne Dividenden. Ein Blick darauf zeigt: Von den absoluten Kurstiefs auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2009 sind die Aktienmärkte gar nicht mehr weit entfernt.
Auch der Euro befindet sich seit Monaten auf Talfahrt. Mit rund 1,24 Dollar ist die Gemeinschaftswährung so wenig wert wie zuletzt vor rund zwei Jahren. Die dramatische Entwicklung an den Finanzmärkten droht nun auch die Realwirtschaft zu erfassen. Zwar wächst die Wirtschaft zumindest in Deutschland, den USA und vielen Schwellenländern noch ordentlich, doch der jüngste Verfall des Ölpreises, ein meist zuverlässiger Konjunkturindikator, signalisiert auch hier, dass der Aufschwung schnell wieder vorbei sein könnte. Ein Vorbote für eine konjunkturelle Eintrübung ist der schwächelnde US-Arbeitsmarkt. Und auch aus China kamen zuletzt enttäuschende Nachrichten: Das Wachstum im Dienstleistungssektor hat sich nach offiziellen Daten den zweiten Monat in Folge verlangsamt.
Die Eurokrise und die Verwerfungen an den Finanzmärkten verunsichern auch zunehmend die mittelständische Industrie – also das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Einer neuen Studie der Commerzbank zufolge befürchten 72 Prozent von 4 000 befragten Unternehmen, dass sich die Eurokrise negativ auf die eigene Geschäftstätigkeit auswirkt.