Chinas Industrie wird immer moderner - hier die Autofabrikation des Konzerns Geely. Doch das Wachstum schwächt sich ab. (FOTO: DAPD)
Die Sorge um Chinas Wirtschaft wächst. Es gibt Nachrichten, die nichts Gutes verheißen. So legten im Juni die Wareneinfuhren nur um 6,3 Prozent zu. Das klingt nicht schlecht. Doch die Erwartungen der Experten lagen doppelt so hoch. Die Exporte entwickeln sich ebenfalls nicht so wie erhofft, ausländische Investoren werden skeptischer, Kapital fließt zeitweise ab: Die kleinen Nadelstiche für Chinas Wirtschaft häufen sich in letzter Zeit. Die Wirtschaft wird dieses Jahr wohl nur um rund acht Prozent wachsen, das ist für die politische Führung das Minimum.
Aufgeblähter Bausektor
Katastrophal ist die Lage noch nicht. Doch die langfristigen Probleme des Staatskapitalismus chinesischer Prägung treten immer deutlicher zutage. Das undurchsichtige System der Staatsunternehmen und protegierten Privatfirmen, die zum Teil extrem günstige Kredite und andere Hilfestellung erhalten, hat zu gewaltigen Fehlinvestitionen geführt.
Der Bausektor zum Beispiel ist aufgebläht, in vielen Teilen des Landes stehen riesige Siedlungen leer. Zahlreiche Autobahnen und Schnellzugverbindungen, die kaum gebraucht werden und ihre Investitionssummen wohl nie hereinspielen werden, zeugen von hohen Fehlausgaben. Auch in anderen Bereichen, der Auto- und der Solarindustrie zum Beispiel, zeigt sich, dass in China teil völlig an der Nachfrage vorbeiproduziert wurde.
China-Skeptiker gibt es schon lange. Und bis jetzt sind ihre apokalyptischen Vorhersagen nicht eingetroffen - denn neben den Problemzonen gibt es ja auch viele Bereiche der chinesischen Wirtschaft, die nach wie vor große Erfolge erzielen.
Doch inzwischen sind selbst einige ehemalige China-Freunde misstrauisch geworden und warnen vor dem Ende des scheinbar ewigen China-Booms. Das verfilzte politische System, bemängelt zum Beispiel William Overholt von der US-Universität Harvard, lasse nicht genug Innovation durch kleine Unternehmen zu. Overholt gehörte lange Jahre zu den sogenannten China-Bullen, die an enorme Wachstumsraten glaubten.
Wie könnte eine China-Krise zum Ausbruch kommen? Eine große Sorge ist, dass sich bei den Staatsunternehmen vor allem im Infrastrukturbereich gigantische faule Kredite auftun - die so groß sein könnten, dass selbst die hohen Währungsreserven der chinesischen Regierung nicht als Puffer ausreichen. China könnte aber auch durch ein langsames Absinken des Wachstums in Probleme geraten. Es drohen soziale Unruhen, weil die Arbeitskräfte aus dem Hinterland, die nach wie vor in die prosperierenden Küstenregionen strömen, nicht mehr ausreichend Arbeitsplätze vorfinden.
Durchlauferhitzer der Wirtschaft
Für die Weltwirtschaft wäre ein wirtschaftlicher Absturz Chinas katastrophal und würde zu enormen Verwerfungen führen - schließlich belastet schon noch die Eurokrise das Wachstum auf dem Globus. Chinas Wirtschaft ist in der globalen Arbeitsteilung so etwas wie der Durchlauferhitzer der Weltwirtschaft: Riesige Importe, noch größere Exporte, denn das Hauptgeschäft des Landes ist es, Rohstoffe einzukaufen und veredelt als Waren wieder aus dem Land zu bringen. Zweites Standbein sind die enormen Infrastrukturinvestitionen des Staates. Der private Konsum macht dagegen gerade mal gut ein Drittel der Wirtschaftsleistung aus - in den USA sind es rund 70 Prozent, in Deutschland knapp 60 Prozent.
Ein Szenario, bei dem die Wirtschaftsleistung Chinas stagniert und die Importe sinken, hätte wohl zunächst einen dramatischen Absturz der Rohstoffpreise zufolge. Von Ölexporten abhängige Länder und anderen Rohstoffnationen wie zum Beispiel Australien würden mit China zusammen abstürzen. Auch Deutschland würde massiv getroffen: China ist der fünftgrößte Exportmarkt für Deutschland, dorthin wurden 2011 Waren im Wert von fast 65 Milliarden Euro verkauft. Das sind pro deutschem Bürger rund 800 Euro.
Das Szenario einer tiefen China-Krise ist so dramatisch, dass man es sich kaum vorstellen mag. Vielleicht gelingt dort ja auch die sanfte Landung. Dafür sind allerdings tiefgreifende politische Reformen nötig, denn in den vergangenen Jahren zeigt sich immer deutlicher, dass Parteifilz und Vetternwirtschaft für einen großen Teil der chinesischen Fehlinvestitionen und wirtschaftlichen Probleme verantwortlich sind. Die Rezepte des chinesischen Staatskapitalismus wirken jedenfalls nicht mehr richtig.