Berlin: Der Fluchhafen

22.06.2012 22:33 Uhr | Aktualisiert 22.06.2012 22:57 Uhr
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BER

Zeitungsberichten zufolge wird Berlins neuer Flughafen mehr als 4 Milliarden Euro kosten. (FOTO: DPA)

Von Thomas Kröter
Vielleicht hätten sie regelmäßig da draußen tagen sollen - auf der Baustelle des Flughafens "Willy Brandt", der großen Unvollendeten vor den Toren der Hauptstadt.
Berlin/MZ. 

Dann wären Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit und der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck (beider SPD) womöglich aus eigener Anschauung auf den Gedanken gekommen: Da läuft etwas furchtbar aus dem Ruder. Nun ist eine Krisensitzung des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft angesetzt auf dem 1 500 Hektar-Gelände in Schönefeld, streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit, die sich um die Fragen dreht: Wann kann das Prestigeprojekt endlich eröffnet werden und zu welchem Preis?

Die aktuelle Planung: am 17. März 2013. Die jüngste Schätzung: einiges über vier Milliarden Euro. Das muss so vorsichtig formuliert werden. Dann bislang gilt, was die "Berliner Zeitung" formuliert hat: "Jeder Tag bringt neue Hiobsbotschaften, neue Zweifel, neue Kalkulationen." Mit einer großen Plakatkampagne, die den Namensgeber Willy Brandt die Fluggäste begrüßen ließ, hatte man für den Start am 3. Juni geworben. Die Kosten wurden offiziell auf 2,9 Milliarden Euro veranschlagt.

Doch dann mussten die Bauherren Wowereit und Platzeck statt der Eröffnung deren Platzen verkünden. Die Brandschutzanlage - nicht funktionsfähig. Nur kurz währte die Hoffnung, der erste Flug könne noch 2012 starten. Denn schnell stellte sich heraus: Da ist noch mehr nicht eröffnungsreif. Schon schießen die Spekulationen ins Kraut, auch der neue Termin sei illusorisch. Denn auf dem künftigen "Hauptstadt-Airport" herrscht offenbar das blanke Chaos. Ein zur Kontrolle engagierter, wegen seiner schonungslosen Diagnose aber wieder entlassener Experte: "Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass es in Deutschland eine solche Baustelle geben kann."

Die aktuell befürchtete Kostensteigerung um mindestens ein Drittel ist zum einen auf Schadenersatzforderungen von Fluggesellschaften und rund 500 Unternehmen zurückzuführen, die sich in Schönefeld ansiedeln wollen. Dazu kommt ein juristischer Gau: Um die Kosten zu drücken, hatte die Flughafengesellschaft für rund 25 000 Wohnungen und Häuser weniger Schallschutz eingeplant, als im Planfeststellungsbeschluss vorgesehen. Das Berliner Oberverwaltungsgericht gab der Klage der Betroffenen statt - Mehrkosten: 600 Millionen Euro.

Wie hoch die Kosten am Ende wirklich sind, dazu mochten die Aufsichtsräte am Freitag lieber keine feste Prognose abgeben. Auch über den endgültigen Eröffnungstermin will man vorsichtshalber erst im Herbst entscheiden. Nur eine Personalentscheidung wurde getroffen: Horst Amann, erst bei der Bahn, dann beim Frankfurter Flughafen, wird neuer Projektmanager.

Die politischen Aufräumungsarbeiten soll Martin Delius leiten. Der Ex-Geschäftsführer der Piraten wird Vorsitzender des BBI-Untersuchungsausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus. Dabei wird es auch darum gehen, ob die beiden Regierungschefs im Aufsichtsrat ihren Pflichten nachgekommen sind. Noch fordert in der regionalen Politik niemand den Rücktritt von Wowereit und Platzeck. Aber die erstaunliche Milde könnte schnell zu Ende sein, wenn sich heraus stellen sollte, dass sie nicht nur schlecht hingeschaut, sondern ihren Blick von den Missständen bewusst abgewandt haben.