Börsen: Unappetitliches Geschäft mit Nahrungsmitteln

09.08.2012 19:33 Uhr | Aktualisiert 09.08.2012 20:42 Uhr
Kein Rockkonzert: Die Händler an der weltgrößten Rohstoffbörse in Chicago (USA) geben Order-Zeichen. (FOTO: REUTERS) 
Von Grit Beecken und Tobias Schwab
Immer mehr Banken verkaufen ihren Kunden keine Agrarrohstoffe mehr. Denn das bringt viel Ärger, aber nur geringe Erträge.
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Frankfurt (Main)/MZ. 

Die Commerzbank stoppt den Verkauf von börsennotierten Produkten auf Grundnahrungsmittel wie Fonds und Zertifikate. Das Institut habe diese Rohstoffe bereits aus seinen Fonds herausgenommen, bestätigte eine Sprecherin der zweitgrößten deutschen Bank. Die bestehenden Zertifikate laufen weiter, es werden aber keine neuen mehr ausgegeben. Zertifikate sind im Prinzip Anleihen, deren Verzinsung von der Preisentwicklung eines oder mehrerer Rohstoffe abhängt.

Neue Nahrungsmittelkrise?

Zuvor waren in diesem Jahr bereits die Deka-Bank der Sparkassen und die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) aus den Wetten auf Nahrungsmitteln ausgestiegen. Das Geschäft wird für die deutschen Institute offenbar immer unappetitlicher. Wie die Deka und die LBBW will sich nun anscheinend auch die Commerzbank nicht länger dem Vorwurf aussetzen, sie verdiene am Hunger der Menschen in armen Ländern. Das Institut selbst will sich zu seinen Gründen allerdings nicht äußern.

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hatte den Schritt des Frankfurter Geldhauses bekanntgegeben und gelobt. Wenn sich eine Bank nicht sicher sei, welchen Schaden ihre Rohstoffanlagen anrichten, "gibt es nur einen Schritt: diese Anlagen nicht mehr anzubieten", erklärte Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode.

Die aktuelle Nahrungsmittelkrise verschärft die Debatte. Die Weltmarktpreise für Getreide sind seit Mitte Juni rasant in die Höhe geschnellt. Schon jetzt hungern nach Angaben von Entwicklungsorganisationen weltweit rund eine Milliarde Menschen. Ihre Zahl drohe "sprunghaft anzusteigen, wenn die Preise anhaltend hoch bleiben", warnt Agrarexpertin Marita Wiggerthale von der Hilfsorganisation Oxfam. Vor allem in Lateinamerika, Afrika und im Mittleren Osten seien dann viele Menschen zusätzlich von Unterernährung und Hunger bedroht (die MZ berichtete).

Die Ursachen der Preisexplosion sind zum einen dramatische Ernteausfälle in den USA, in der Ukraine, Kasachstan und Russland. Zum anderen werden der steigende Verbrauch von Nahrungsmitteln für Biosprit, aber auch die Spekulation mit Nahrungsmitteln dafür verantwortlich gemacht. Zahlreiche Studien belegten, dass Wetten auf Mais und Weizen die Preise treiben. Die Deutsche Bank bezweifelt das aber und lässt sich zum Ärger von Foodwatch seit Anfang des Jahres mit der Überprüfung ihrer spekulativen Rohstoff-Investments Zeit.

Hedge-Fonds größte Spekulanten

Doch selbst der renommierte Agrarökonom Joachim von Braun vom Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn hält den "kausalen Zusammenhang zwischen der erhöhten Handelsaktivität von Zwischenhändlern und Preisspitzen" für erwiesen. Spekulation, gab Braun bei einer Anhörung im Bundestag zu Protokoll, ist "an den extremen Preisspitzen ursächlich beteiligt".

Tatsächlich grätschen besonders US-amerikanische Hedge-Fonds immer dann in den Markt, wenn die Preise von Rohstoffen steigen. In den vergangenen Wochen stieg die Zahl der auf steigende Preise setzenden Spekulanten auf neue Höchststände. Jeder dieser Fondsmanager bewegt hohe Millionenbeträge. Im Vergleich dazu sind die Volumen der Geschäfte, die Commerzbank, LBBW und Deka einstellen, verschwindend gering. Ende 2011 steckten nach Zahlen des Derivateverbands DDV 65 Millionen Euro in Agrarrohstoff-Zertifikaten.