Schon Ende vergangenen Jahres hatten die Verwaltungsrichter in Leipzig das Konkurrenzvorhaben in Wiedemar (Nordsachsen) an der A 9 durchgewunken.
Gegen das Einkaufszentrum in Brehna hatten die Städte Dessau-Roßlau und Leipzig geklagt. Sie sehen die Gefahr, dass das Center Kunden aus ihren Innenstädten abzieht. Nach fast sechsstündiger Verhandlung, in der unter anderem drei Gutachter als Zeugen gehört worden waren, mochten sich die halleschen Richter diesen Befürchtungen nicht anschließen.
Angebot zurückentwickelt
Leipzig, so das Gericht, sei so gut aufgestellt, dass keine schädlichen Auswirkungen auf den Einzelhandel zu erwarten seien. Zu Dessau-Roßlau meinten die Richter: Auch aufgrund der Bevölkerungsentwicklung habe sich das Handelsangebot dort ohnehin schon vom Niveau einer Groß- auf das einer kleineren Stadt zurückentwickelt. Deshalb werde das Brehnaer Center keine nachteiligen Folgen mehr haben. Das Gericht folgte damit in beiden Fällen einem Gutachten, das der Kreis Anhalt-Bitterfeld als Baugenehmigungsbehörde in Auftrag gegeben hatte.
Der Oberbürgermeister von Dessau-Roßlau, Klemens Koschig (parteilos), reagierte enttäuscht: "Wenn das Outlet-Center in Brehna gebaut wird, wird unser Innenstadt-Handel leiden", sagte Koschig. Diese Auffassung vertrete auch ein von der Stadt hinzugezogener Sachverständiger. "Das Gericht ist dem offenbar nicht gefolgt." Ob die Stadt gegen das Urteil in Berufung gehen wird, ließ der OB offen: "Wir werden die schriftliche Urteilsbegründung abwarten."
Das will auch Leipzig tun - und nicht nur im Fall Brehna. Ende vorigen Jahres hatte die Stadt auch gegen das Konkurrenzprojekt in Wiedemar geklagt - vergeblich. Seit wenigen Tagen liegt im Leipziger Rathaus die Urteilsbegründung vor. "Sie wird derzeit ausgewertet", sagte ein Stadtsprecher. Die Leipziger Richter haben ähnlich wie ihre Kollegen in Halle mit der hohen Anziehungskraft der Leipziger Innenstadt und dem stabilen dortigen Einzelhandel argumentiert.
Abwarten heißt die Devise auch bei der Düsseldorfer Immobiliengesellschaft ITG, Investor des Projekts in Brehna. "Eine sehr gute Nachricht", kommentierte ITG-Sprecher Horst Jütte die Gerichtsentscheidung. "Wir können den Baubeginn jetzt weiter vorbereiten." Wann es losgeht? Jütte hält sich zurück: "Auch wir wollen erst das Urteil lesen." Auch zum bisher geplanten Eröffnungstermin im Frühjahr 2013 deshalb: kein Kommentar. Jütte gab sich freilich siegessicher: "Nach allem, was ich weiß, räume ich der Gegenseite nur wenige Chancen auf eine erfolgreiche Berufung ein."
20 Jahre altes Einkaufszentrum
Die ITG will für das Outlet-Center ein 20 Jahre altes Einkaufszentrum nahe der A 9 in Brehna umbauen und aufwerten. Die Investitionssumme liegt bei rund 76 Millionen Euro. Geplant sind etwa 100 Läden auf rund 20 000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Das Sortiment soll von Bekleidung über Schuhe und Lederwaren bis zu Sportartikeln reichen.
Von dem Wiedemarer Investor, dem niederländischen Unternehmen Stable International, war am Mittwoch keine Stellungnahme zu bekommen. Stable plant, in Wiedemar für 50 Millionen Euro 60 Geschäfte auf 10 000 Quadratmetern zu errichten. Eigentlich könnten die Holländer nun loslegen, da das Urteil aus Leipzig vorliegt, das ihnen grünes Licht gibt.
Doch offene Fragen bleiben. Nicht nur die, ob die unterlegenen Städte doch noch in die zweite Instanz gehen. Sondern auch, ob zwei große Outlet-Center nur wenige Autominuten voneinander entfernt auf Dauer bestehen können. Experten sagen, das könne nur gelingen, wenn die Sortimente beider Einkaufszentren sich voneinander abheben.