Bundeskanzlerin Angela Merkel inspiziert per Hubschrauber den Windpark vor der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. (FOTO: DPA)
Als die Kanzlerin dann endlich den großen gelben Knopf anfasst, ist es fünf vor zwölf. Neben ihr steht der EnBW-Chef, er hat seine Hand über ihre gelegt, und als der Knopf gemeinsam gedrückt ist, drehen sich auf dem Bildschirm plötzlich Windräder im Meer. Angela Merkel (CDU) und Hans-Peter Villis lachen. Selten war es in letzter Zeit so leicht, Kanzlerin oder Atommanager zu sein.
Es weht eine steife Brise aus Nordost an diesem Montag im Seeheilbad Zingst. Die Wellen der Ostsee schlagen hoch, die Sonne lacht, die Fernsicht ist bestens. Weit draußen, rund 16 Kilometer vor der Küste, kann man 21 Windräder ausmachen. Sie stecken wie weiße Golfpins in der grauen See. "Baltic I" heißt diese Anlage mit den domhohen Strom-Mühlen, sie ist - je nach Perspektive - der erste kommerzielle Offshore-Windpark in Deutschland oder wenigstens in der Ostsee. So oder so: Es ist ein Grund zu feiern.
Schneller Sinneswandel
Von einem "neuen Kapitel der Energiegewinnung in Deutschland", spricht die fröhliche Kanzlerin im Kurhaus Zingst. Anlässlich des atomaren Super-Gau von Fukushima - in den Worten der Kanzlerin: "die Ereignisse der vergangenen Wochen" - komme der Windkraft auf hoher See "noch einmal ganz neue Bedeutung zu". Man sehe, ein zügiges Umsteuern auf erneuerbare Energien sei möglich, betont Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). EnBW-Chef Villis lobt sich und die Seinen: "Wir denken heute schon an Morgen." Was keiner erwähnt: Am Montag sah das noch ganz anders aus.
Sven Teske zum Beispiel erinnert sich noch gut an die Jahrtausendwende. Damals schipperte der Erneuerbare-Energien-Experte von Greenpeace auf einem historischen Segelschiff durch Nord- und Ostsee, um Werbung für Offshore-Wind zu machen. Damals wurde er im besten Fall belächelt. Die Energiegewinnung auf hoher See trieben andere voran, die Briten, die Dänen, die Schweden. "Deutschland hat geschlafen", sagte Teske, und unter Schwarz-Gelb habe die Unterstützung "eher noch nachgelassen". Insofern sei es "ganz witzig", dass die großen Atomkonzerne, dass RWE, Eon, EnBW im Konzert mit der Politik nun plötzlich lautstark das Hohelied der Windkraft sängen. An die Energiewende werde er aber erst glauben, so der Greenpeace-Experte, wenn nicht nur geredet, sondern auch gehandelt werde.
Immerhin: Es tut sich was in Nord- und Ostsee. Vor drei Wochen wurde drüben im Westen mit Pomp "Bard Offshore I" in Betrieb genommen, ein 1,5-Milliarden-Euro-Projekt, das dereinst 400 000 Haushalte mit Strom versorgen soll. "Baltic I" nimmt sich dagegen vergleichsweise bescheiden aus: Von den 48 Megawatt, die vor Zingst produziert werden, sollen 50 000 Haushalte profitieren. Rund vier Mal so viel Strom soll "Baltic II", 32 Kilometer nördlich von Rügen gelegen, ab 2013 liefern.
Daneben sind rund zwei Dutzend weitere Windparks in den beiden deutschen Meeren bereits genehmigt. Ob, wann und wie sie realisiert werden, steht freilich in den Sternen. Betreiber und Investoren nämlich haben mit teils erheblichen Problemen zu kämpfen. Nach deutschem Recht müssen die Anlagen weit vor der Küste gebaut werden und damit unter technisch widrigsten Bedingungen. Umweltschützer machen vehement die Rechte von Schweinswalen und Zugvögeln geltend. Gemeinden fürchten um Einbußen im Tourismus - auch gegen "Baltic I" prozessierte Zingst mehr als ein Jahr lang.
Viele ungeklärte Fragen
Und wie der Strom dereinst von der Küste in die Energiehunger-Länder Süddeutschlands geschafft werden kann, ist noch immer unklar. Rechtssicherheit, den raschen Netzausbau und öffentliche Investitionen forderten denn auch die Windpark-Pioniere von Merkel. Die aber zeigte sich gewohnt vage.
Die Regierung werde ihr neues Energiekonzept, das Ende Juni präsentiert werden soll, "beschleunigt umsetzen", versprach die Kanzlerin. Wie genau? Dazu keine Details. Es gebe allerdings "gute Chancen" dass ein Sonder-Investitionsprogramm der KfW in Höhe von fünf Milliarden Euro umgesetzt werde. Ansonsten verriet die Kanzlerin nur dies: "Wir sollten die Stunde jetzt nutzen, die noch vorhandenen Hürden zu beseitigen" - man werde aber auch "andere Energieformen für eine Überbrückungszeit noch brauchen". Das klang dann doch wieder verdächtig nach Atomkraft.
Anschließend trat Merkel vors Kurhaus, um sich mit EnBW-Chef Villis vor einem "Baltic-I"-Modell ablichten zu lassen. Diesmal legten die beiden Hand an ein Plastik-Windrad. Das war dann doch zu viel: Der Rotor ging zu Boden, während die Kameras klickten. Dabei hatte der Tag so schön angefangen.