Gesundheit: Gefahr aus dem Labor

01.05.2012 19:39 Uhr | Aktualisiert 01.05.2012 21:55 Uhr
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Mitarbeiterin im Labor

Eine Mitarbeiterin stellt Impfstoff gegen die Schweinegrippe her. (FOTO: ARCHIV)

Von Irene Meichsner
Wissenschaftler manipulieren Viren, um Impfstoffe entwickeln zu können. Ein möglicher Missbrauch der gefährlichen Erreger ist dabei nicht auszuschließen.
Köln/MZ. 

Ron Fouchier ist erst einmal erleichtert. "Jetzt können wir weitermachen", frohlockte der Virologe der Erasmus Universität in Rotterdam, nachdem er erfahren hatte, dass der Veröffentlichung seiner Erkenntnisse über ein Vogelgrippe-Virus, das er selbst manipuliert hatte, nichts mehr im Wege steht. Das niederländische Wirtschaftsministerium erteilte ihm eine Ausfuhrgenehmigung für ein Manuskript, das die Züchtung des gefährlichen Krankheitserregers detailliert beschreibt. Mit dem Persilschein ist die vorerst letzte Hürde in diesem Drama genommen, das Wissenschaftler und Politiker seit Monaten in Atem hält.

Vogelvirus bei Säugetieren

Ende 2011 hatte Fouchier die Welt vor vollendete Tatsachen gestellt. Es war ihm gelungen, das hoch aggressive Vogelvirus H5N1, dem vor allem in Südostasien schon Millionen von Enten, Hühnern und anderem Geflügel zum Opfer fielen, an ein Säugetier anzupassen. Nach nur drei gezielten Mutationen vermehrte sich der Erreger auch in den Atemwegen von Frettchen. Und er verbreitete sich über eine Tröpfchen-Infektion in der Luft, also ohne direkten Körperkontakt.

Was das bedeutet, dämmerte den Behörden erst im letzten Moment, kurz vor der geplanten Veröffentlichung im US-Magazin "Science": Würde ein solcher Erreger aus dem Labor entweichen, was sich niemals hundertprozentig ausschließen lässt, könnte sich eine tödliche Seuche über die ganze Welt ausbreiten. Geriete er in die Hände von Terroristen, wäre es möglicherweise eine furchtbare biologische Waffe. Kurz vor Weihnachten schob das US-Beratergremium für biologische Sicherheit NSABB der Publikation einen Riegel vor. Sowohl "Science" als auch das Konkurrenzblatt "Nature", dem eine ähnliche Studie vorlag, beugten sich der Empfehlung, die Veröffentlichung der vollständigen Daten zu unterlassen. Seitdem tobte der Meinungskampf. Die Forscher pochten auf die Freiheit der Wissenschaft, Fouchier selber goss immer wieder neues Öl ins Feuer. Er sei auf geradezu "sensationslüsterne" Weise damit hausieren gegangen, dass sein künstliches Virus "das Potenzial habe, die ganze Menschheit auszurotten", sagte der Bonner Virologe Christian Drosten auf einem Kongress von Infektionsmedizinern in Köln.

Inzwischen hat sich die Aufregung etwas gelegt. Fouchiers künstliches Virus war offenbar erst dann tödlich, wenn den Frettchen hohe Dosen injiziert wurden. Nach Anhörungen auf nationaler und internationaler Ebene gab das NSABB die Publikation vor kurzem frei.

Wie weit reicht die Freiheit der Forschung auf einem so heiklen Arbeitsfeld? Immerhin hat in diesem Fall eine europäische Regierung die biologische Grundlagenforschung erstmals Exportkontrollen unterworfen, weil sie fürchtet, dass die Erkenntnisse, ähnlich wie bei der Atomtechnik, nicht nur friedlich, sondern auch böswillig genutzt werden können. Die Wissenschaftler argumentieren, dass sie gentechnische Eingriffe brauchen, um die Gefährlichkeit von Krankheitserregern besser einschätzen und gegebenenfalls Impfstoffe entwickeln zu können. Der Marburger Virologe Stephan Becker, Leiter eines der zwei deutschen Labore, die Viren gentechnisch manipulieren, versicherte, dass man sich in seinem Institut an selbst auferlegte Regeln halte, keine künstlichen Viren herstellen zu wollen, "von denen wir wissen, dass sie gefährlicher als die Wildtypen sind". Lars Schaade, Vizepräsident des Berliner Robert Koch-Instituts, meldete indessen erheblichen "Nachholbedarf" an. Eine Umfrage bei 21 deutschen Universitäten habe ergeben, dass die "Sensibilisierung" für die Risiken zu wünschen übrig lasse. Ein Verhaltenscodex der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Arbeit mit hochpathogenen Mikroorganismen aus dem Jahre 2008 sei "relativ schlecht implementiert".

Naivität verbreitet

Manche Forscher zeigten im Hinblick auf einen möglichen Missbrauch ihrer Erkenntnisse eine erschreckende Naivität. Die Vorstellung, dass Terroristen fähig sein könnten, gefährliche Viren herzustellen, nannten sie lächerlich. Dem hielt US-Senator Joseph Lieberman, Vorsitzender des Ausschusses für nationale Sicherheit, bei einer Senatsanhörung ein Zitat der Außenministerin Hillary Clinton entgegen. Sie hatte unlängst bei einer Konferenz über biologische Waffen darauf aufmerksam gemacht, dass die Terrororganisation Al Qaida nach "Brüdern mit akademischen Abschlüssen in Mikrobiologie oder Chemie" sucht, "um eine Waffe zur Massenvernichtung zu entwickeln".