Konjunktur: Deutschland zieht Euro-Zone nach oben

15.05.2012 19:37 Uhr | Aktualisiert 15.05.2012 21:25 Uhr
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Produktion bei Harman (Baden-Württemberg)

ine Mitarbeiterin des Unterhaltungselektronik-Spezialisten Harman International Inc. prüft in der Produktion in Karlsbad-Ittersbach (Landkreis Karlsruhe) Platinen. (FOTO: DPA)

Von Stephan Kaufmann
Die deutsche Wirtschaft meldet sich unerwartet früh stark zurück. Doch die Gefahren aus dem Euroraum sind lange nicht gebannt.
Berlin/Frankfurt (Main)/MZ. 

Die Rezession in der Euro-Zone hat Anfang 2012 geendet - aber nur dank der deutschen Konjunktur, die den Euro-Durchschnitt nach oben gezogen hat. Während in den Ländern Südeuropas die Wirtschaft weiter schrumpft, erzielte Deutschland im ersten Quartal ein überraschend starkes Plus. Grund waren die Exporte, vor allem nach Übersee. Deutschland entkoppelt sich zunehmend von Europa. Davon profitieren auch die großen deutschen Konzerne.

Zwischen Januar und März lag die deutsche Wirtschaftsleistung um 1,2 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Gegenüber dem Vorquartal belief sich das Plus auf 0,5 Prozent - das war fünf Mal mehr als von Ökonomen erwartet. "Die deutsche Wirtschaft ist unfassbar stark", jubeln die Ökonomen der Deka-Bank, "was für ein Jahresauftakt!"

Laut Bundesamt legte der Konsum im ersten Quartal zu, die Investitionen der Unternehmen gingen zurück. Getragen wurde das Wirtschaftswachstum wohl vor allem vom Außenhandel. Die Exporte waren zwischen Januar und März stärker gestiegen als die Importe.

Stärker als andere Länder des Euro-Raums profitiert Deutschland vom kräftigen Wachstum in Asien und Amerika, das die konjunkturelle Schwäche Europas bislang kompensiert. Nach vorläufigen Berechnungen der Bank Unicredit exportierten die deutschen Unternehmen in den ersten Monaten des Jahres weniger nach Spanien und Italien. Die USA hingegen nahmen rund ein Viertel mehr Waren ab, die Exporte nach Russland lagen 23 und nach China neun Prozent höher als vor einem Jahr.

Die Märkte in Übersee nutzen vor allem die großen Konzerne aus dem Deutschen Aktienindex (Dax). Laut Commerzbank-Berechnungen ist der Europa-Anteil am gesamten Umsatz der Dax-Unternehmen seit 2003 um sieben Prozentpunkte gesunken. Unternehmen wie FMC, SAP oder Adidas erwirtschaften mittlerweile den Großteil ihrer Erträge außerhalb Europas. Auch die Chemie- und Auto-Konzerne orientieren sich gen Asien und Amerika.

Das spiegeln auch die Zahlen für das ersten Quartal: Die 30 Dax-Unternehmen konnten ihren Umsatz um zehn Prozent auf 323 Milliarden Euro steigern, so die Unternehmensberatung Ernst & Young.

Die Konjunkturflaute in Südeuropa und die hohen Energiepreise hinterlassen zwar Spuren in den Firmenbilanzen: Der Gewinn lag etwas niedriger als im Vorjahreszeitraum. Dennoch "war das ein überraschend starkes erstes Quartal", so Thomas Harms, Partner bei Ernst & Young. "Nach wie vor ist die Lage insgesamt absolut zufriedenstellend."

Sehr gut lief es bei den exportorientierten deutschen Autobauern: Laut Ernst & Young steigerten Daimler, BMW und Volkswagen ihren Umsatz um 18 Prozent und ihren Gewinn um elf Prozent. In den ersten drei Monaten des Jahres hätten sie 93 Milliarden Euro umgesetzt - die Hälfte davon entfiel auf VW - und 7,5 Milliarden Euro verdient. Auch beim Gewinn lag Volkswagen mit 3,2 Milliarden Euro an der Spitze.

Die Frage ist nun jedoch, wie lange dieser Aufschwung anhalten kann? "Derzeit laufen die Geschäfte bei der Mehrheit der Unternehmen gut - aber niemand kann sagen, wie nachhaltig dieses Wachstum sein wird", so Harms. Die Gefahren sind unverkennbar: Spanien droht eine verschärfte Immobilien- und Bankenkrise, mit einem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone könnte sich die wirtschaftliche Lage drastisch verschärfen. "Der anhaltende Rückgang von Aufträgen aus dem Euro-Raum zeigt: Die Krise kommt näher", so Carsten Brzeski von der Bank ING. Der Einkaufsmanager-Index für die deutsche Industrie fällt seit drei Monaten. Gestern teilte das Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW mit, dass sich im Mai die Konjunkturerwartungen der Finanzmarktexperten für Deutschland erstmals wieder verschlechtert haben.

Die Hoffnungen der Ökonomen ruhen daher jetzt auf dem privaten Konsum in Deutschland. "Die weitere Entwicklung der deutschen Wirtschaft hängt zunehmend davon ab, ob Lohnerhöhungen und ein starker Arbeitsmarkt zu einer kräftigeren inländischen Nachfrage führen werden", so ING-Ökonom Brzeski.