Die Konzernzentrale von Fresenius in Bad Homburg. (FOTO: DPA)
Gerade zwei Stunden blieben den Managern der Rhön-Kliniken am Donnerstag noch, um sich auf die neue Situation einzustellen. Um 11 Uhr wollten sie eigentlich in aller Ruhe in Frankfurt ihre Jahresbilanz 2011 präsentieren. Drei Prozent mehr Umsatz und elf Prozent mehr Gewinn waren zu verkünden. Doch das interessierte zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr.
Denn um kurz vor neun hatte der Gesundheitskonzern Fresenius aus Bad Homburg erklärt, dass er die Rhön-Klinikum AG mit ihren 53 Krankenhäusern und 39 medizinischen Versorgungszentren aufkaufen wolle. Aus den Rhön-Kliniken und der Krankenhaustochter Helios will Fresenius dann den größten deutschen Krankenhausbetreiber Helios-Rhön schmieden. Das Management der Rhön-Kliniken hat Fresenius damit offenbar vollkommen überrumpelt. Rhön-Finanzchef Erik Hamann sagte, er habe erst am Donnerstagmorgen von diesen Plänen erfahren.
3,1 Milliarden Euro in bar legt Fresenius für alle Aktien des Konkurrenten auf den Tisch. Das entspricht einem Preis von 22,50 Euro pro Papier. Für die Anleger von Rhön ist das ein satter Aufschlag von 52 Prozent auf den Schlusskurs vom Mittwoch. In den vergangenen zehn Jahren hat das Rhön-Papier nur 2007 und 2008 über dem Niveau von 22 Euro notiert. Nach Bekanntgabe des Übernahmeangebots stieg der Kurs stark an und lag am Nachmittag bei über 21 Euro.
Anders als das Management von Rhön war der Gründer und Großaktionär des Klinikunternehmens, über die Pläne von Fresenius informiert. Eugen Münch erklärte, dass er die Pläne unterstütze und sein Aktienpaket in Höhe von 12,5 Prozent des Kapitals verkaufen werde.
Das Rhön-Management will dagegen das Angebot zunächst prüfen und womöglich auch andere Strategien erörtern, bevor es eine Empfehlung für die Anleger ausspricht. Die Rhön-Aktien befinden sich zu 87,5 Prozent im Streubesitz. Denkbar wäre deshalb, dass ein Ankerinvestor gesucht wird, der zehn Prozent der Anteile aufkauft. Denn die Fresenius will mindestens 90 Prozent der Anteile erwerben. Das liegt an der Rhön-Satzung. Demnach ist für satzungsändernde Beschlüsse und Kapitalmaßnahmen eine Mehrheit von mehr als 90 Prozent der Stimmen nötig. Sollten sich Konkurrenten oder Hedge Fonds mit zehn Prozent bei Rhön einkaufen, wäre die Übernahme somit vergleichsweise leicht zu blockieren. "Der Käse ist noch nicht gegessen", sagte ein Banker.
Auch könnte das Kartellamt noch eine gewichtige Rolle in dem Übernahmeverfahren spielen. Denn durch die Fusion entsteht ein Klinikkonzern mit in Deutschland ungekannten Dimensionen. 80 000 Mitarbeiter würden für Helios-Rhön arbeiten. Das Unternehmen wäre nach heutigem Stand im Besitz von 138 Krankenhäusern und 70 medizinischen Versorgungszentren - darunter in Sachsen-Anhalt. 75 Prozent der Bevölkerung könnten nach Angaben von Fresenius binnen einer Stunde eine Klinik von Helios-Rhön erreichen.
Zwar erwarten Branchenbeobachter nicht, dass das Kartellamt die Fusion gänzlich untersagen wird, denn auch mit einem Umsatz von künftig sechs Milliarden Euro pro Jahr würde der Marktanteil des Unternehmens bei unter zehn Prozent bleiben. Auf einzelnen regionalen Märkten könnte Helios-Rhön aber eine marktbeherrschende Stellung in der medizinischen Versorgung der Patienten oder gegenüber anderen Leistungserbringern wie niedergelassenen Ärzten oder Pflegeheimen erreichen. Fresenius rechnet damit, dass noch einige Krankenhäuser abgegeben werden müssen.
Gewerkschaften und Konkurrenten reagierten kritisch auf die Pläne von Fresenius. "Aus gesellschaftlicher Sicht kann es nicht in unseren Interesse sein, die Renditen von gewinnorientierten Konzernen hoch zu treiben", sagte der Geschäftsführer des Interessenverband kommunaler Kliniken, Uwe Alschner. "Wir haben nun Diskussionsbedarf, der weit über diesen Tag hinausreicht." Alschner befürchtet, dass der Konzern kommunale Krankenhäuser mit strategischen Angeboten unter Druck setzen könnte.
Die Gewerkschaften jagt Angst ein, dass das Übernahmeangebot nach Angaben der Ratingagentur Fitch zu etwa 75 Prozent über noch aufzunehmende Schulden finanziert wird. Dieses Geld muss im Klinikalltag wieder reingeholt werden. Fresenius rechnet mit deutlichen Einsparmöglichkeiten im Einkauf, in den Servicebereichen, in der Verwaltung sowie durch die wirtschaftliche Sanierung von Krankenhäusern.
Sachsen-Anhalts Krankenhausgesellschaft reagierte gelassen. "Wir haben mit beiden Trägern gute Erfahrungen gemacht", sagt Geschäftsführer Gösta Heelemann der MZ. "Sollte es tatsächlich zu einer Fusion kommen, hoffen wir, dass es unter einem einheitlichen Dach so weitergeht."