Wer aus einem Supermarkt-Regal eine Kilopackung Zucker in den Einkaufswagen lädt, schaut selten nach dem Herkunftsland. Doch genau das fordert die kambodschanische Kampagne für sauberen Zucker (Cambodian Clean Sugar Campaign), die gegen den Zuckerrohr-Anbau auf enteignetem Land kämpft. Sie will in der Europäischen Union einen Boykott von Zucker aus Kambodscha durchsetzen, wo tausende Kleinbauern enteignet wurden, um Zuckerrohr-Feldern für die boomende Zuckerindustrie Platz zu machen.
Zehntausende Hektar gab die Regierung nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen einheimischen und ausländischen Zuckerunternehmen. Die Entschädigung, welche die Kleinbauern dafür erhielten, bezeichnen Aktivisten als nicht ausreichend. „Es ist ein Skandal, dass die EU auf ihrem Gebiet den Verkauf unlauter hergestellten Zuckers erlaubt“, empört sich David Pred von der Clean Sugar Campaign. So lange die EU solche Produkte, die auf „geraubtem Land“ angebaut würden, nicht verbiete, müssten sich die Verbraucher dagegen wehren, fordert er.
Besonder pikant am Zuckerimport: Bisher kann der Zucker aus Kambodscha sogar zollfrei in die EU eingeführt werden. Das Produkt fällt unter die „Alles-außer-Waffen-Initiative“, mit der die Europäische Union die ärmsten Länder unterstützen will.
Schon tausende kambodschanischer Bauern wurden enteignet, um auf ihrem Land Zuckerrohr anzubauen. Auch Yi Chhav musste ihr Land hergeben, auf dem sie Reis anbaute. Nun arbeitet die 68-jährige Witwe auf den Zuckerrohr-Feldern, die dort entstanden, und verdient rund einen Euro am Tag dabei. „Was sollen wir essen, wenn wir uns weigern, auf den Zuckerrohr-Plantagen zu arbeiten?“, fragt die alte Frau, die sich nach eigenen Worten dort wie eine „Sklavin“ fühlt. „Es gibt keine Arbeit.“
Eines der wichtigen Gebiete der kambodschanischen Zuckerrohr-Industrie ist die Provinz Koh Kong, die im vergangenen Jahr 20.000 Tonnen Zucker in die EU exportierte - laut Menschenrechtsorganisationen doppelt so viel wie noch im Jahr zuvor. Regierungsvertreter beteuern, bei der Vergabe der Konzessionen für den Zuckerrohr-Anbau sei alles mit rechten Dingen zugegangen.
Einige Familien akzeptierten tatsächlich eine Entschädigung in bar, die nach Angaben des Dorfältesten Teng Kao zwischen 250 und 2000 Dollar (200 bis 1600 Euro) lag. Andere halten an ihrem Land fest. „Wir können nicht ohne unseren Boden leben. Jeden Tag bitte ich darum, dass man ihn mir zurückgibt, damit ich wie früher Reis anbauen kann“, sagt Teng Kao.
Auf diplomatischer Ebene wird nach Angaben des EU-Botschafters in Kambodscha, Jean-François Cautain, alles getan, um die Eigentumsfragen zu klären. „Wir haben die Regierung gebeten, uns die Unterlagen zu geben, aus denen hervorgeht, wie die Konzessionen vergeben wurden“, sagt Cautain der Nachrichtenagentur AFP. Fast täglich werde über das heikle Thema gesprochen.
Menschenrechtsgruppen und Vertreter der betroffenen Gemeinden jedoch reicht das nicht. Sie machen im Internet Druck: Kunden sollen mit einer im Juli gestarteten Kampagne aufgeklärt und so dazu gebracht werden, Druck auf die Zuckerraffinerie Tate and Lyle zu machen. Die Verbraucher sollen dazu beitragen, das Problem zu lösen, indem sie das britische Unternehmen auffordern, keinen „blutigen Zucker“ mehr von Lieferanten aus Kambodscha kaufen.